Übertriebenes Vertrauen in Technik kann tödlich enden
Angesichts von jährlich 1,2 Millionen Verkehrstoten weltweit kommt die Studie zu dem Schluss, dass ein überzogenes Vertrauen in die Technik der Verbesserung der Verkehrssicherheit im Wege stehen kann. Jean Todt, ehemals Chef des weltweiten Automobilverbands FIA, jetzt Sondergesandter des UN-Generalsekretärs für Verkehrssicherheit, wird dazu zitiert mit: „Vertrauen ist eine Grundvoraussetzung für Mobilität. Übermäßiges Vertrauen kann jedoch dazu führen, dass Menschen unnötige Risiken eingehen.“
Befragt wurden dazu 6157 Personen in Brasilien, China, Frankreich, Deutschland, Indien, Italien, Japan, Südkorea, Großbritannien und den USA – Länder, die zusammen für drei Viertel der weltweiten Pkw-Produktion stehen – sowie 1022 Fachleute aus den Bereichen Fahrzeugherstellung, Technologie, Infrastruktur und Verkehrspolitik. Ergebnis: Menschen fühlen sich am sichersten, wo Straßen am gefährlichsten sind.
Sicherheitsgefühl trotz hoher Todesrate
Die größte Diskrepanz zwischen dem Sicherheitsgefühl der Befragten und der Einschätzung der Branchenexperten zeigt sich in Brasilien, China und Indien. Dort geben 94 Prozent an, sich sicher zu fühlen, während dies nur 18 Prozent der Experten bestätigen. Gleichzeitig weisen diese drei Länder zusammen eine durchschnittliche Verkehrstodesrate von 16,2 Todesfällen pro 100.000 Einwohner auf, eine etwa doppelt so hohe Rate wie im Durchschnitt der untersuchten Märkte.
„In Brasilien, China und Indien ist das Vertrauen der Bevölkerung parallel zur schnellen und sichtbaren Modernisierung gewachsen, mit neuer Infrastruktur, intelligenteren Fahrzeugen und fortschrittlicher Technologie“, sagt Pratima Singh, Principal of Policy and Insights bei Economist Enterprise und Leiterin der Studie. „Das Vertrauen ist jedoch schneller gewachsen als die tatsächliche Verbesserung der Verkehrssicherheit.“
Kaum Unfälle durch mechanische Defekte
Ein zu großer Glaube an die Systeme kann Gefahr für Leib und Leben heraufbeschwören. Die Bedeutung dieser Einsicht für die Verkehrssicherheit demonstrieren die Einschätzungen der befragten Experten zu den Unfallursachen: Nur drei Prozent sehen mechanische Defekte als Hauptursachen für Zwischenfälle. Aber 30 Prozent nennen den unsachgemäßen Gebrauch oder das Missverständnis von Fahrerassistenzsystemen als größte Ursache für Sicherheitsprobleme im Straßenverkehr. Weitere 24 Prozent sehen Funktionen, die Verkehrsteilnehmende vom Verkehrsgeschehen ablenken, als größtes Sicherheitsrisiko. Die Verkehrsteilnehmer selbst betrachten ihr eigenes Verhalten im Straßenverkehr als ihre größte Sorge.
Werbung sorgt für hohe Erwartungen
Die Vermarktung der Fahrerassistenzsysteme ist offenbar Teil des Problems: 65 Prozent sind der Meinung, dass Werbung die Leistungsfähigkeit der Systeme überschätzt. 62 Prozent sagen, sie vermittle den Eindruck, Nutzer müssten weniger aufmerksam sein. 60 Prozent sind überzeugt, dass Vorteile hervorgehoben, Einschränkungen jedoch zu wenig kommuniziert werden.
Regional unterschiedliche Profile
Vertrauen in Verkehrssicherheit wird weniger durch Technologie geprägt als durch lokale Kultur und Institutionen. Die Studie identifiziert vier unterschiedliche Vertrauensprofile:
Vertrauensoptimisten (Brasilien, China, Indien): Eine Vertrauenslücke von 76 Prozentpunkten – 94 Prozent der Nutzer gegenüber 18 Prozent der Experten – spiegelt einen Optimismus wider, der die Realität übertönt. Gleichzeitig weisen diese Märkte die höchsten Verkehrstodesraten der Studie auf.
Vertrauenswächter (Japan, Südkorea): Die geringste Vertrauenslücke (84 Prozent gegenüber 70 Prozent), getragen von unabhängiger Validierung und hoher Zuverlässigkeit.
Vertrauenspragmatiker (Frankreich, Deutschland, Italien): Die niedrigsten Verkehrstodesraten, gleichzeitig jedoch eine Vertrauenslücke von 39 Prozentpunkten zwischen Industrie und Fahrzeuglenkern. Hohes öffentliches Vertrauen geht mit Skepsis gegenüber Technologien einher, die als intransparent oder übertrieben dargestellt wahrgenommen werden.
Vertrauensvermittler (Großbritannien, USA): Hohes Vertrauen der Nutzer (92 Prozent), das eng an staatliche und gesellschaftliche Institutionen geknüpft ist. Das Risiko: Regulatorisches Versagen oder die Vertuschung von Unternehmensfehlern hätten besonders weitreichende Folgen. (aum)
Veröffentlicht am 27.07.2026
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