2021-07-20 09:21:00 Automobile

Hintergrund: Feuer und Wasser sind ein gefährliches Gemisch

Wahlkampf ist Charaktersache: Manche zerreißt er, andere nutzen jede Chance, die ihnen der Zufall zuspielt, und sei sie noch so dreckig. Uns allen schwante schon nach den ersten Bildern vom Hochwasser, wie es medial ablaufen würde: Wer ist als erster vor Ort? Wer hat die schönsten Gummistiefel? Betroffen oder nicht – in Wahlkampfzeiten geht es immer auch um die Bilder. Jeder Politiker muss sich deswegen das Vorbild Gerhard Schröder vorhalten lassen, der einst mit gelben Gummistiefeln dem Oder-Hochwasser trotzte und versprach, was Politiker in diesen Situationen immer versprechen: schnelle und unbürokratische Hilfe. Hat da einer gelacht? Das wird die Bürokratie gewesen sein, die noch kein Hochwasser wegschwemmen konnte.

Nachdem gestern der Bundesinnenminister als letzter der Bundesprominenz am Wasser gestanden hatte, beginnt nun die nächste Phase: Die Suche nach dem Schuldigen. Prompt geriet das Amt für Zivilschutz in die Kritik. Doch dieses Thema heben wir uns für später auf. In diesem Wahlkampf geht es doch zunächst ums Klima. Eine eindrucksvollere Beweisführung als die Katastrophe im Westen und Süden konnte die Natur doch gar nicht liefern. Sie lässt es krachen. Und nur sie bestimmt, wann.

Der Klimawandel bedroht uns real

Wir werden lernen müssen, damit zu leben. Und wir werden versuchen müssen, die Situation zu verbessern.

Die Waldbrände in Kalifornien wie die Hochwasser-Ereignisse in Europa und anderswo sind Ergebnisse des Klimawandels, der schon längst nicht mehr zu leugnen ist. Er ist da mit aller Macht. Einerlei, ob menschengemacht oder Naturgewalt – wir werden uns schützen müssen. Wir werden uns auch daran gewöhnen müssen, dass Technik nicht alles vermag. Das Klima bringt uns wieder ins Risiko.

Auch wenn wir unsere Ziele beim Verzicht auf fossile Brennstoffe, die für das Klimagas Kohlendioxid (CO2) verantwortlich sind, vollständig und schnell erreichen, werde es Jahrzehnte dauern, bis sich alles wieder an ein Maß angenähert hat, dass wir als normal beschreiben würden, sagen uns Experten wie Mojib Latif, Meteorologe und Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome.

Einfache Lösungen sind Lüge

Mit dem Pegelstand der Flüsse im Westen steigt das Bewusstsein, dass – Feuer auf der einen Seite und Wasser auf der anderen – dies ein besonders Call to Action ist. Damit wächst das Bewusstsein, nun alle Register ziehen zu müssen. Doch je größer der Handlungsdruck, desto intensiver die Suche nach einfachen Lösungen.

Als es um die Abgase der Autos ging, ordnete die Politik – jener Gerhard Schröder nach einem Gespräch mit dem französischen Ministerpräsidenten – die Einführung des Katalysators an und wich damit von der Maxime ab, nicht Technologien, sondern Ergebnisse vorzuschreiben. Die Verantwortlichen sahen ihre Fehler ein und gelobten Besserung.

Messwerte statt Technologie

Doch der Schwur war schon bald vergessen. So wie die französische Lobby den Kanzler von Kat überzeugte, wollten auch andere erfolgreich sein. Die Amerikaner schworen Mitte der 90ger Jahr des vergangenen Jahrhunderts, nur der batterieelektrische Antrieb garantiere Zero Emission. Mit ihrer Marktmacht setzten sie enge Termine für ersten Serienmodelle und verbanden deren Erfüllung mit dem Zugang zum US-Markt. So entstand zum Beispiel bei Mercedes-Benz der Vorgänger der A-Klasse als Elektroauto mit Batterie im Sandwich-Boden.

Das US-Projekt scheiterte an den Batterien. Doch die Überzeugung fraß sich ins Bewusstsein der interessierten Öffentlichkeit: Das Elektroauto löste der Reihe nach einige Probleme. Erst vermied es die Abhängigkeit vom Erdöl, dann verbesserte es die Luft und nun soll es sogar das Klima retten, wenn es kein Erdöl mehr braucht. Die Argumente unterschieden sich, aber das Ergebnis blieb: Elektrotraktion zieht uns aus dem Sumpf.

Und wir wiederholen seit vielen Jahren den Fehler, eine Technologie und nicht die gewünschten Ergebnisse vorzugeben.

Latif: Wir haben genug Energie

Dem gern zitierten Klimaforscher Latif platzte gestern im Morgenmagazin von ARD und ZDF der Kragen, als er auf die Nachfrage der Moderatorin nach Maßnahmen sagte: „Wir müssen so schnell wie möglich runter von den fossilen Energien, koste es was es wolle. Wir haben doch mit Sonne und Wind genug Energie.“

Wenn die Hochwasserlage das Bewusstsein schärft, dann ist jetzt zweierlei klar. Das Hochwasser dient nicht dazu, die Interessen der Autofeinde durchzusetzen. Denn sie erlebten eine Situation, in der Strom bei Licht, Kraft, Kommunikation und Wärme versagte. Nur der Verbrennungsmotor konnte den Menschen helfen. So können uns Situationen wie diese lehren, alle Möglichkeiten zu nutzen. Latif hat recht, wenn er mit seiner Tirade das Ende der Wirkungsgraddiskussionen fordert. Es ist eben einerlei, wieviel uns der Verzicht auf fossile Energien kostet. Es gibt keine Alternative – und wenn Ingenieure noch so sehr auf dem Wirkungsgrad als Messgröße zwischen gut und bösen beharren.

Die Politik jagt die Falschen

Solche bei Latif schon verzweifelt klingenden Mahnungen werden untergehen in der wohlfeilen Diskussion, wer unter dem EU-Programm „Fit for 55“ gefälligst am meisten zu leisten habe. Wie beim Katalysator, wie bei den Stickoxiden, wie beim CO2-Ausstoß, wie bei den Höchstgeschwindigkeiten, sowie bei der Enteignung alter Fahrzeuge und den Fahrverboten per Plakette – es ist der Autofahrer, der mit seiner persönlichen Mobilität weltweit allerdings nur für rund ein Zehntel der klimaschädlichen Emissionen zuständig ist.

Viele von denen würden sich fürs Klima engagieren, wenn man sie nur ließe. Doch niemand gibt ihnen den Kraftstoff, den sie für klimaneutralen Vertrieb des Verbrenners brauchten. Stattdessen sollen sie sich mit der zweitbesten Lösung bescheiden, erzählen ihnen die meisten Wahlkämpfer, hoffentlich wider besseres Wissen und ohne Hintertürchen. Nicht, dass sie in ein paar Jahren sagen, sie seien falsch informiert worden. Von wem eigentlich?

Das Auto eignet sich also nur als Symbolthema. Mit dem Auto sollen die Bürger lernen, nett zur Umwelt zu sein und sich mit Kleinkram beschäftigen. Doch die dicken Brocken sind der Rest des Verkehrs zu Lande, zu Wasser und in der Luft und mehr noch die Industrie und der Energieverbrauch beim Wohnen. Höchste Zeit, dass die Bürger ein Konzept erkennen können, das ihnen nicht das Gefühl gibt, in die Ecke gestellt zu werden. (aum/Sm)

Veröffentlicht am 20.07.2021

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