Im Bücherregal: Wie man sich einem Weltkulturerbe nähert
Kriegerisch geht es in den verwunschenen Orten, die sich eng aneinanderreihen und terrassenförmig zwischen Olivenhainen und Weinbergen liegen, jedoch überhaupt nicht zu. Allenfalls die gewaltige Anziehungskraft auf Touristen, die dem pittoresken Landstrich innewohnt, kann zu Unfrieden führen. Vier Millionen Besucher der Cinque Terre wurden 2023 gezählt, auf jeden der insgesamt 4000 Einwohner der fünf Dörfer kamen damals schon 1000 Touristen.
Wie sich der Besuch trotzdem genussvoll gestaltet, weiß Hannah Hauer, die ihre Erfahrungen und Erlebnisse im handlichen, bei Dumont erschienen Reiseführer „Cinque Terre“ öffentlich macht. Das Terrain ist anspruchsvoll, bis zu 800 Meter über dem Meeresspiegel führt einer der beliebten Wander- und Trekkingwege von Ort zu Ort.
Trockenmauern stützen den Boden, nicht immer wirksam, denn sie verfallen allmählich. Erst kürzlich kam es zu Erdrutschen und Schlammlawinen nach heftigen Unwettern, Monterosso und Vernazza wurden bereits 2021 beschädigt. Dem will die Regionalregierung Einhalt gebieten, und eine Benutzungsgebühr, für den Sentiero Azzuro etwa, für jeden Wanderer erheben. 7,50 Euro zahlt, wer den berühmten Pfad entlang der Steilküste erleben will. Das Geld wird für die Stabilisierung des Geländes verwendet, die Trekkingpfade werden gesichert und kontrolliert.
Die Dörfer sind malerisch und haben ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt. Nachdem die Cinque Terre 1997 zum Weltkulturerbe erhoben wurden, sind maßgebliche Veränderungen in den Orten nicht mehr erlaubt. Große Hotelanlagen und Ressort sucht der Tourist daher vergeblich. Kleine Pensionen und familiengeführte Hotels mit überschaubarem Zimmerangebot sind die Regel. Was den Ansprüchen des Massentourismus nicht unbedingt gerecht wird. Viele der Besucher kommen daher als Tagesgäste, die „mehr Müll als Geld da lassen“, wie Hannah Hauer feststellt.
Die Stimmung in der überschaubar großen Bevölkerung ist dennoch ausgezeichnet. Die Bewohner der Cinque Terre sind weltoffen und dennoch traditionsverhaftet, zudem freundlich und hilfsbereit, befindet die Autorin. Nicht zuletzt deshalb, weil sie auch den Geldsegen schätzen, den die Gäste mit sich gebracht haben. Gleichwohl ist das Preisniveau noch sehr erträglich, nur in der ersten Reihe, am Hafen oder oben auf den Klippen kommt einer kleiner Aufschlag hinzu. Eine Lasagne kostet dann 15 Euro, das Tagesangebot vom Fisch 25 Euro.
Genussvoll ist das Reisen. Die schmalen und gewundenen Straßen sind nicht besonders gut geeignet für den Individualverkehr, vielmehr erfüllt die bereits 1874 eröffnete Eisenbahnlinie nach La Spezia die wesentlichen Anforderungen der Mobilität. Etwa drei Minuten braucht der Zug von einem Dorf zum anderen, mit hoher Taktzahl und vor allem pünktlich, was vor allen den Urlaubern aus Deutschland gefällt. Einziger Nachteil: Nicht immer liegen die Bahnhöfe im Ortszentrum, 383 Stufen sind es in Corniglia hinauf von der Haltestelle in den Ortskern.
Die Fahrt aber lohnt. Wenn es nicht gerade durch einen der vielen Tunnels geht, bietet sich ein exzellenter Ausblick auf hohem Niveau. Alternativ und aus anderer Perspektive lassen sich die Cinque Terre vom Schiff aus erkunden. Von April bis Oktober sind die kleinen Linienboote unterwegs und fahren außer Corniglia alle Orte an, auch zur Insel Palmira bei Portovenere gibt es eine Verbindung, ebenso Passagen von La Spezia, Lerici und Levanto aus.
Natürlich vergisst Hannah Hauer nicht den Ausflug in die Kulinarik, schließlich sind die Cinque Terre ein Feinschmecker-Paradies der besonderen Art. Ganz vorne rangiert die Pesto Genovese, die zwar den Namen der westlich gelegenen Hafenstadt als Namen trägt, ihren Ursprung aber hier im bergigen Küstenstreifen haben soll.
Das Fertig-Pesto aus dem Supermarkt sollte der Besucher gleich wieder vergessen, meint die Autorin, stattdessen lieber einen Pesto-Kurs in Manarolo bei Simone in der Bar „Nessun Dorma“ (keiner schläft, entlehnt der Oper Turandot von Giacomo Puccini) buchen. Hier werden die traditionellen sieben Zutaten, Basilikum, Olivenöl, Pinienkerne, Parmesan, Pecorino, Knoblauch und Salz im Mörser zerrieben und miteinander vermischt. Für 85 Euro Teilnahmegebühr lernt der Hobbykoch die perfekte Zubereitung der italienischen Spezialität. Das Öl kommt natürlich aus der Nachbarschaft. Nur ein Liter ist der Ertrag aus acht Kilogramm Oliven, ein einziger Baum erzeugt maximal acht Liter Öl im Jahr.
Hannah Hauer gibt außerdem praktische Hinweise für Ausflüge nach La Spezia oder Genua, wo übrigens alle zwei Jahre eine Weltmeisterschaft in der Zubereitung von Pesto ausgetragen wird. Neben vielen Restaurant-Tipps und Hotelempfehlungen nennt sie die Badestrände, von denen es in den Cinque Terre aufgrund der Steilküste nicht allzu viele gibt. Aber was wäre ein Urlaub an der ligurischen Küste ohne ein Bad im Meer. Der empfehlenswerte Reiseführer „Cinque Terre“ von Hannah Hauer ist im Verlag Dumont erschienen. Er hat 120 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und Karten und kostet 14,95 Euro. (aum)
Veröffentlicht am 16.03.2026

