„Niemand soll eine schwere Batterie herumfahren müssen"
Die Zeichenfolge beschreibt nach EU-Regularien vierrädrige Kraftfahrzeuge bestimmter Merkmale, die zur Personen- oder Güterbeförderung zugelassen sind. Zu den bekanntesten L7E-Fahrzeugen gehört Renaults Twizzy. Martin Henne, Vorstandsvorsitzender der Electricbrands AG, hat mit seinen Geschäftspartnern allerdings etwas völlig anderes als den französischen City-Zweisitzer im Sinn. Außer elektrischem Allradantrieb und gewissen Offroad-Fähigkeiten soll der XBus vor allem zweierlei bieten: höchste Flexibilität bei den Einsatzmöglichkeiten und Recyclingfähigkeit für fast alle Komponenten.
Und auch etwas Anderes ist neu: „Wir glauben nicht an reinen Online-Vertrieb“, sagt Martin Henne und deshalb setzt Electricbrands auf eine alternative Vermarktungs-Struktur. Seit der Neufassung der Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) sind Kfz-Betriebe in der EU nicht mehr an einzelne Marken gebunden. Electricbrands hat deshalb bereits nach eigenen Angaben mit rund 250 Händlern und Werkstätten in Deutschland und etwa 400 in anderen EU-Ländern Vertriebsvereinbarungen geschlossen, wo Käufer des XBus nicht nur Erwerb, sondern auch Service bewerkstelligen lassen können.
Auch wenn das Fahrzeug eine gewisse optische Nähe zu sowjetischen Militärfahrzeugen der 80er Jahre nicht verleugnen kann, ist die Bauweise hochmodern, flexibel und multifunktional. Die einzelnen Module erlauben laut Firmenprospekt derzeit zehn verschiedene Aufbauvarianten. Von der Großraum-Limousine, die für einen Shuttledienst eingesetzt werden könnte, über die Pick-up- und Kipper-Versionen bis hin zum Campmobil sind fast unbegrenzt Varianten dankbar. Modularität gilt auch für die Stromversorgung des Elektroantriebs. „Niemand soll eine schwere Batterie in der Gegend herumfahren müssen, die er nicht braucht“, sagt Henne. Deshalb kann die Batterie-Kapazität den Erfordernissen des Einsatzes angepasst werden. Dazu braucht es nicht einmal eine Werkstatt.
Der so genannte CO2-Rucksack, also die Menge Kohlendioxid, die bei der Herstellung des E-Mobils anfällt und die seine Klimabilanz zunächst beeinträchtigen, soll laut Electricbrands bereits nach gut 10.000 Kilometer Laufleistung abgebaut sein. „Dann fährt unser XBus wirklich klimaneutral“, verspricht der CEO. Hinzu komme, dass 98 Prozent der verwendeten Materialien recyclingfähig seien. Als Kunden hat der Hersteller außer Handel, Gewerbe und Handwerk auch Privatleute im Blick, die etwa mit der höhergelegten Offroad-Version des Campmobils die Freiheit von Kurztrips in die Natur genießen wollen. Die Ladefläche des Pick-Ups ist für die Aufnahme von zwei Europaletten ausgelegt. Das modulabhängige Ladevolumen beträgt bis zu 5,3 Kubikmeter.
Angetrieben wird der XBus von vier Radnabenmotoren, die vom Zulieferer Scheffler stammen. Je nach angewendeter Modulart haben die Batterien eine Kapazität zwischen 10 und 30 Kilowattstunden (kWh). Standardmäßig gehört ein Solarpanel auf dem Dach dazu, das unter günstigen Umständen bis zu 260 Watt Aufladeleistung je Quadratmeter liefert. Das könnte bis 200 km Extra-Reichweite pro Tag bedeuten. Der Stromfluss ist bi-direktional ausgelegt, so dass der solar erzeugte Strom zum Beispiel auch an ein Hausspeichersystem abgegeben werden kann. Tanken an der 230V-Haushaltsstecksose ist ebenso möglich wie an einer Typ2-Schnellladesäule.
Nachhaltige Konzeption und Produktion auf der einen, geringe Komplexität des Systems sowie flexible Einsatzmöglichkeiten auf der anderen sprechen nach Ansicht des Herstellers für den XBus. „L7E ist die entscheidende Klasse in der Zukunft der Mobilität“, ist Martin Henne überzeugt. Dabei kommt den Anbietern zugute, dass die L7E-Zulassungsbedingungen bei weitem nicht so eng gefasst sind, wie für herkömmliche Pkw. Zum Beispiel sind Airbags derzeit nicht erforderlich, eine Prüfung nach Euro-NCAP-Testverfahren nicht vorgesehen. „Aber natürlich werden wir auch Crashtests durchführen“, sagt Henne, „damit der technisch mögliche Sicherheitsstandard gewährleistet ist. Der XBus wird eines der sichersten Leichtfahrzeuge der Welt werden“.
Dem knapp vier Meter langen und fast 1,70 Meter breiten XBus kann man sein Baukasten-Prinzip sehr gut ansehen. Die außenliegenden Türscharniere sind ein Hinweis auf die Wandelbarkeit des Aufbaus, die minimalistische Anmutung der Kabine ein Beleg für die kosten- und ressourcensparende Konstruktion. Außer dem großen Zentralbildschirm für die Steuerung der Fahrfunktionen fallen acht USB-Steckplätze ins Auge. Da die Nutzer bereits verschiedene für den Betrieb nutzbare Apps auf ihrem Smartphone gespeichert haben, gehe es nur noch darum, die Kompatibilität herzustellen. Für die private Nutzung eines XBus‘ wird über Implementierung von Komfortfunktionen wie Klimaanlage oder Soundsystem nachgedacht.
Einen schwerwiegenden Schwachpunkt des Multi-Mobils haben allerdings nicht die Hersteller zu verantworten und sie sähen ihn lieber heute als morgen abgeschafft. Fahrzeuge der Kategorie L7E sind nach gegenwärtiger Rechtslage nicht förderfähig. „Niemand versteht das, wenn er sieht, dass die Halter von Zweieinhalbtonnen-SUVs üppige Umweltprämien einstreichen können“, klagt Henne. Mit einer Reduzierung der Anschaffungskosten durch eine staatliche Subvention kann die Electricbrands AG deshalb derzeit nicht werben. Die Preisspanne reicht nach aktueller Kalkulation von 17.380 bis 31.680 Euro. (aum/axel f. busse)
Veröffentlicht am 13.09.2021
