2019-08-27 11:02:00 Automobile

Zum Tod von Ferdinand Piëch: Wie ein Tiroler Fels

Er starb verangenen Sonntag in einem Krankenhaus in Rosenheim, nach-dem er zuvor in einem Restaurant zusammengebrochen ist. Er wurde 82 Jahre alt. Harald Kaiser, der Autor dieses Psychogramms, hat Piëch oft ge-troffen und ihn mehrfach interviewt. Er charakterisiert den Mann, vor dem sich viele seiner ehemaligen Mitarbeiter fürchteten und der die Medien zu-meist als lästig empfunden hat.

Viele seiner Topmanager, die er oft selbst engagierte, hat er später mit viel Geld im Gepäck vom Hof gejagt hat, wenn sie nicht spurten. Der Österrei-cher, schon als Multimillionär auf die Welt gekommen, war der Typ schneller Brüter. Fast immer wirkte er so, als stünde er ständig unter Hochspannung. Er war kein Kind des Windkanals, stattdessen kantig wie ein Tiroler Fels. Hier seine hervorstechendsten Charaktermerkmale:

Eitelkeits-Faktor: himmelhoch, war kaum zubereiteten. Aber das Wort trifft den gleichermaßen stillen wie starken Wesenszug nicht wirklich. Vielmehr war es so: Er konnte alles, wusste alles, machte alles. Der Mann mit dem messerscharfen Verstand hasste es, Dinge zweimal zu erläutern. Über sei-nen Grips sagte er einmal: „Ich weiß, dass er reicht.“ Traut sich zu, „heute, morgen und in zwei Jahren der Beste" zu sein. Mit dem Ansatz hat er zum Beispiel das Ein-Liter-Auto umgesetzt, mit dem er einst von Wolfsburg nach Hamburg zur Jahreshauptversammlung des VW-Konzern fuhr. Verbrauch: 0,8 Liter Diesel. Dennoch ist der windschnittige Wagen bis heute nicht in Se-rie gegangen.

Diplomatie-Rate: kaum wahrnehmbar, ging Richtung Null-Linie. Ex-Mitarbeiter sagen, dass er das Fingerspitzengefühl einer ungeschliffenen No-ckenwelle hatte. Der ehemalige BMW-Chef Eberhardt von Kuenheim meinte zur Berufung von Piëch zum VW-Boss 1993 erstaunt: „Das ist doch vor allem ein politischer Job.“ Piëch galt im Umgang – freundlich formuliert – als rup-pig. Als er 1988 Audi-Chef wurde, kanzelte er seine Manager mit den Worten ab: „Mit 15 Prozent bin ich zufrieden. Mit 45 Prozent kann ich zusammenar-beiten, wenn die Leistungen besser werden, vom Rest werde ich mit trennen müssen.“

Symphatie-Kurve: zeigte in den Keller, kaum Ausschläge ins Positive. Bes-serung war in diesem Leben nie in Sicht. Manche Leute zitterten vor ihm. Der introvertierte Durch-und-durch-Techniker schien nur mit seinem Rechen-schieber kommunizieren zu können.

Glamour-Drang: war stark unterentwickelt. Wirkte, wenn Kameras auf ihn gerichtet waren, wie ein unsicherer Konfirmand. Modisch kaum Chic im gleichwohl teueren Outfit. Er war stets der Typ graue Maus, aber mit Maß-schuhen. Diese Bild genoss er.

Ehrgeiz-Wert: war kaum zu übertreffen. Wollte immer auf den VW-Thron. Konnte nicht verstehen, dass es außer ihm noch andere Kandidaten gab. Ein ehemaliger Hauptabteilungsleiter von Porsche über ihn: „Ein technisches Genie, das ständig am Wahnsinn entlang schrammt." Nachdem er mit Por-sche und VW und anderen Marken einen Auto-Riesen geschmiedet hatte, sah er sich als Ferdinand Porsche der Neuzeit, als Wahrer des Erbes seines Großvaters. Einen kräftigen Schuss Selbstbewusstsein wird er ferner aus dem Umstand getankt haben, nicht mit dem Namen Porsche geboren wor-den zu sein. Weil seine Mutter Louise, eine geborene Porsche, einen Piëch geheiratet hatte, musste Sohn Ferdinand ein Leben lang mit diesem Na-mensmanko leben. Aber er hat sich immer als Porsche gefühlt. Sein verbis-senes Motto lautete: Euch zeig' ich's.

Marotten-Zahl: schwer zählbar. Hat zum Beispiel bei Vorstandssitzungen verlangt, dass jeder Teilnehmer vorher sagen muss, wie lange er auf die Mi-nute genau reden will. Er sprach leise mit fisteliger Stimme und erzeugte so immer Aufmerksamkeit. Auch nahm er sich sehr viel Zeit für Antworten. Ein Manager: „Manchmal habe ich gedacht, der schickt die Antwort mit der Post." Gleichzeitig starrte er den Gesprächspartner mit einer Art Bannstrahl aus zwei Rohren gnadenlos an. Das Psychospielchen führte beim Gegen-über zumeist schlagartig zu Schweißausbrüchen. Sobald er in einem gerade startenden Jet saß, sah er auf seine Uhr, wartete 40 Sekunden und griff da-nach beruhigt zur Zeitung. Wenn der Flieger nämlich nach 40 Sekunden nicht abhob, so seine Einschätzung, wäre es nach weiteren 20 bis 30 Sekunden meist zum Crash gekommen. Von dem wollte der Realist, der alles irgendwie berechnen wollte, er nicht überrascht werden. (ampnet/hk)

Veröffentlicht am 27.08.2019

PersonalienNachrufFerdinand Piech


 
Hiermit akzeptiere ich die Datenschutzbedingungen, sowie kontaktiert zu werden.Mit (*) markierte Felder sind Pflichtfelder.