Drei Meter, die entscheiden können
Ein Lieferwagen in zweiter Reihe, eine blockierte Kita-Einfahrt, Eltern im Halteverbot und dazwischen Kinder, die ihren eigenen, kaum berechenbaren Rhythmus haben: Der morgendliche Berufs- und Schulverkehr ist wieder da. Nach Wochen vergleichsweise entspannter Ferienfahrten treffen Pendler, Bringdienste und Elterntaxis nun wieder gleichzeitig auf engen Straßen zusammen.
Das eigentliche Risiko sitzt dabei nicht allein vor der Motorhaube. Es entsteht im Kopf. Wer schon beim Einsteigen weiß, dass die Zeit knapp wird, fährt mit einem erhöhten Stresslevel los – und verliert leichter den klaren Blick für das Verkehrsgeschehen. „Wer keinen Puffer eingeplant hat, ist schon gestresst, bevor er überhaupt im Auto sitzt“, sagt Mirco Lohmann, Leiter der TÜV-Nord-Station Stadthagen.
Gasgeben als falsches Ventil
Der Reflex ist menschlich: Wer zu spät dran ist, versucht verlorene Minuten mit dem rechten Fuß zurückzuholen. Höheres Tempo vermittelt Kontrolle, obwohl es im dichten Stadtverkehr selten einen echten Zeitgewinn bringt. An der nächsten roten Ampel oder hinter der nächsten Fahrzeugschlange ist der vermeintliche Vorsprung meist schon wieder aufgezehrt.
Problematisch wird es, wenn aus dem Stress eine Kette kleiner Regelverstöße entsteht. Die Kolonne setzt sich in Bewegung, die Ampel wechselt, der Vordermann fährt noch – und plötzlich folgt man ihm, obwohl das Signal längst Rot zeigt. Bleibt das ohne Konsequenz, speichert das Gehirn das Verhalten als Erfolg ab. Ein gefährlicher Lerneffekt. „Wenn Fehlverhalten unbestraft bleibt, wird es zum Verstärker“, warnt Lohmann.
Besonders heikel: Schulen und Kitas
Ausgerechnet dort, wo der Verkehr am chaotischsten ist, sind die schwächsten Verkehrsteilnehmer unterwegs. Kinder laufen unvermittelt los, queren zwischen parkenden Autos oder reagieren anders, als Erwachsene es erwarten würden. Gleichzeitig sorgen haltende Lieferwagen, Wendemanöver und dichtes Bringverkehr-Gedränge für eingeschränkte Sicht und zusätzliche Hektik.
Schon geringe Tempoüberschreitungen können dann entscheidend sein. Wer in einer Tempo-30-Zone 35 km/h statt der erlaubten 30 fährt, verlängert den Anhalteweg bei einer Notbremsung laut TÜV Nord um rund drei Meter. Drei Meter, die im Ernstfall darüber entscheiden können, ob ein Kind noch vor dem Fahrzeug zum Stehen kommt – oder nicht.
Der Ärger über den Lieferwagen in zweiter Reihe oder das zögernde Elterntaxi hilft dabei nicht weiter. Eher im Gegenteil: Wer die Perspektive wechselt und sich kurz fragt, warum das andere Fahrzeug dort steht oder zögert, entschärft die eigene Reaktion. Gelassenheit wird so zu einem Sicherheitsfaktor.
Entspannung beginnt am Vorabend
Die wirksamste Maßnahme gegen Stress am Steuer ist erstaunlich banal: früher anfangen. Nicht unbedingt mit der Fahrt, sondern mit der Vorbereitung. Wer am Abend prüft, ob Baustellen, Engstellen oder besonders volle Schulstraßen auf der Strecke liegen, kann am Morgen bewusster entscheiden – und bei Bedarf eine ruhigere Route wählen.
Auch der Wecker spielt eine größere Rolle, als man meinen könnte. Wenn man ihn auf die spätestmögliche Minute stellt, spart man zwar theoretisch Schlafzeit, programmiert aber Hektik schon vor dem ersten Kaffee ein. Gerade in den ersten Tagen nach den Ferien können Alternativen wie das Fahrrad, Park-and-Ride oder ein weiter entfernt gelegener Parkplatz helfen, den kritischsten Abschnitt des morgendlichen Verkehrs zu umgehen.
Am Ende bleibt der wichtigste Gedanke der einfachste: Sicher ankommen zählt mehr als punktgenau anzukommen. Oder, wie Mirco Lohmann es formuliert: Es gehe nicht primär darum, zu einer bestimmten Uhrzeit am Arbeitsplatz zu sein – sondern darum, „dass ich ankomme, und zwar sicher und unfallfrei“. (aum)
Veröffentlicht am 22.08.2026
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