Jaecoo 5: Cooler Jäger zum heißen Preis
Die Chinesen ordnen den „Fünfer“ noch dem Kleinwagensegment zu, tatsächlich steht er mit 4,38 Meter Länge aber bereits mit einem Rad in der stark umkämpften Kompaktklasse. Dort warten auf Hybridseite etwa ein VW T-Roc, Dacia Duster, Citroën C3 Aircross oder Renault Symbioz und bei den Stromern der Kia EV3, Hyundai Kona Elektro oder der Suzuki E-Vitara. Optisch sucht Jaecoo jedoch lieber die britische Gesellschaft. Aufrechte Flächen und markante Kanten erinnern stark an Land Rover. Der Hybrid trägt einen mächtigen Kühlergrill mit senkrechten Streben, der Stromer spart sich das demonstrative Zähnefletschen und hält die Nase geschlossen. Große Fenster erleichtern bei beiden den Überblick.
Im Vollhybrid teilen sich ein 1,5-Liter-Benziner und eine Elektromaschine die Arbeit. Gemeinsam liefern sie 224 PS (165 kW), für den Standardsprint nennt Jaecoo 7,9 Sekunden. Das klingt zwar nach reichlich Temperament, fühlt sich unterwegs aber mehr nach solider Kraftreserve an. Der Fronttriebler kommt zügig in Schwung. In Ortschaften und über Land hält sich der Verbrenner akustisch zurück. Allein leichte Vibrationen verraten seine Antriebsart.
Bei gelassener Fahrt funktioniert das Wechselspiel aus Verbrenner und E-Maschine angenehm unauffällig. Landstraßentempo und Ortsdurchfahrten liegen dem hybriden Antrieb, spontane Leistungswünsche erfüllt er ohne großes Theater. Auf der Autobahn leistet der Benziner allerdings den größeren Anteil, was besonders beim Beschleunigen deutlich zu hören ist. Die Kraft ist vorhanden, die akustische Gelassenheit des elektrischen Schwestermodells dagegen nicht.
Erfreulicher fällt der Blick auf den Bordcomputer aus. Nach einer ersten Runde mit Landstraße, Ortsdurchfahrten und kurzem Autobahnabschnitt zeigte er 4,8 Liter je 100 Kilometer. Das unterbietet die WLTP-Angabe von 5,3 Litern noch deutlich, bleibt angesichts der begrenzten Strecke von knapp 70 Kilometern aber eher eine Momentaufnahme. Bis zu 905 Kilometer Reichweite stellt Jaecoo in Aussicht. Die Suche nach einer freien Ladesäule können sich Hybridfahrer ohnehin sparen: Eine externe Lademöglichkeit ist nicht vorgesehen.
Der Stromer liefert 155 kW (210 PS) und 288 Newtonmeter. Trotz geringerer Spitzenleistung ist er beim Standardsprint mit 7,7 Sekunden etwas schneller als der Hybrid auf 100 km/h. Vor allem reagiert er unmittelbarer aufs Fahrpedal. Zwischen Eco und Standard verändert sich die Leistungsentfaltung spürbar. Wer beherzt beschleunigt, bringt gelegentlich die Vorderräder zum Scharren. Dramatisch wird das nicht, die Vorderachse erinnert lediglich daran, dass sie hier sowohl fürs Lenken als auch fürs Antreiben zuständig ist. Bei 175 km/h (Tachoanzeige 179) wird der Vortrieb abrupt abgeregelt.
Auch die Rekuperation ist nicht so geschmeidig. Sie bietet drei Stufen, die aber nur über das Bildschirmmenü gewechselt werden können. In der mittleren Einstellung nimmt die Verzögerung erst deutlich zu, wenn der Fahrer das Pedal beinahe vollständig freigibt. Das erschwert einen gleichmäßigen Fahrfluss. Auch die Lenkung wirkt mit ihrer ausgeprägten Rückstellung zur Mittellage etwas künstlich.
Auch beim Federungskomfort bleibt Luft. Längere Wellen verarbeitet der Wagen gelassen, kurze Unebenheiten reicht er teilweise stößig weiter. Bei zügigen Richtungswechseln zeigt sich zugleich Bewegung in der Karosserie. Ab etwa 120 km/h treten Windgeräusche hervor, die beim ansonsten stillen Elektroantrieb besonders auffallen. Der kantige Auftritt hat damit eine hörbare Kehrseite.
Die 61-kWh-LFP-Batterie soll nach WLTP bis zu 402 Kilometer ermöglichen. Unsere Probefahrt ergab 17,8 kWh statt der normierten 16,5 kWh je 100 Kilometer. Am Schnelllader nennt das Datenblatt maximal 130 kW und 34 Minuten für zehn auf 80 Prozent. Da bleibt auch Zeit für zwei Kaffee. Wechselstrom lädt der Jaecoo 5 mit elf kW. Über die V2L-Funktion versorgt er externe Geräte mit bis zu 3,3 kW.
Beide Varianten teilen sich das aufrechte Cockpit mit großem Hochkantbildschirm. Die Verarbeitung wirkt sauber, unterschäumte Flächen treffen auf harte Ablagen und reichlich Hochglanz. Letzterer zeigt zuverlässig an, wer zuletzt wohin gefasst hat. Vorn sitzt man luftig, hinten begrenzt der 2,62-Meter-Radstand die Kniefreiheit. Der Hybrid verstaut 314 bis 1214 Liter, der Stromer 384 bis 1284 Liter und weitere 35 Liter im Frunk. Sinn fürs Praktische zeigen sechs Gepäckhaken und eine herausnehmbare Leuchte.
Das 13,2-Zoll-Hochkantdisplay reagiert flott, zusätzliche Einstellungen öffnen sich per Wischbewegung. Kabelloses Apple CarPlay und Android Auto sind ebenfalls verfügbar. Allerdings verdrängt die Smartphonedarstellung die sonst dauerhaft sichtbare Klimaleiste. Temperaturänderungen erfordern dann einen Menüwechsel oder Sprachbefehl. Ärgerlich auch das Layout auf dem kleinen Fahrerdisplay, das trotz ausreichend Fläche viele Symbole nur sehr kleinteilig darstellt. Das gilt vor allem für die Zahlen und Buchstaben in Minischrift vor hellem Untergrund.
Gut gelöst sind die beiden Handyablagen und das aktiv gekühlte induktive Laden mit bis zu 50 Watt. Beim Hybrid ist das Smartphone ohnehin fest eingeplant. Selbst die Topversion verzichtet hier auf eingebaute Navigation. Der Stromer bekommt ein System zur Ladeplanung sowie einen Haustiermodus, der die Innenraumtemperatur hält. Ironischerweise zeigt sich Jaecoo damit bei der Klimatisierung des Vierbeiners fürsorglicher als beim direkten Zugriff des Fahrers auf die Temperaturregelung.
Als elektrische Exclusive-Version kostet Jaecoos „Fünfer“ 35.400 Euro. Belüftete Kunstledersitze, Panoramadach, Lenkradheizung und vordere Akustikverglasung sind inklusive. Für beide Antriebe gelten sieben Jahre beziehungsweise 150.000 Kilometer Fahrzeuggarantie, für Batterie und elektrische Antriebskomponenten acht Jahre beziehungsweise 160.000 Kilometer. Hinzu kommen zwölf Jahre gegen Durchrostung und drei Jahre europaweite Pannenhilfe bis 80.000 Kilometer.
Auch beim Service will Jaecoo Berührungsängste abbauen. Das Händlernetz soll von derzeit rund 50 auf 250 Standorte wachsen, ein Lager in Rheinland-Pfalz Ersatzteile laut Marke innerhalb von 24 Stunden bereitstellen. Näher an die europäischen Kunden rückt künftig auch die Produktion. Ab Anfang 2027 soll der Fünfer im ehemaligen Nissan-Werk in Barcelona montiert werden. Zum chinesischen Pass und britischen Erscheinungsbild käme damit auch noch eine spanische Arbeitsadresse. (aum)
Daten Jaecoo 5 EV
Länge x Breite x Höhe (m): 4,38 x 1,86 x 1,65
Radstand (m): 2,62
Antrieb: Elektrisch, 155 kW (211 PS), Frontantrieb, einstufiges Reduktionsgetriebe
Max. Drehmoment: 288 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 175 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 7,7 Sek.
WLTP-Durchschnittsverbrauch: 16,5 kWh
Batteriekapazität: 61 kWh
Reichweite (WLTP): 402 km
Max. Ladeleistung: 11 kW AC/ 130 kW DC
Leergewicht / Zuladung: 1785 kg / 400 kg
Kofferraumvolumen: 384 -1284 Liter + 35 Liter (Frunk)
Anhängelast: 750 kg
Preis: ab 32.400 Euro
Testwagenpreis: ab 35.400 Euro
Veröffentlicht am 01.11.2026
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