2026-10-31 10:41:00 Automobile

Unterwegs mit dem VW Amarok: Der Wanderweg mahnt zur Mäßigung

Carzoom.de
Fotos: Matthias Knödler via Autoren-Union Mobilität

Wenn es um anspruchsvolle Testfahrten geht, dann gibt es wohl kaum spannendere Ziele als Nordafrika. Dort herrscht im Vergleich zu Europa große Freiheit auf den Straßen, und die Vielfalt der Oberflächen erlaubt Testen unter den verschiedensten Bedingungen. Kein Wunder, dass sich Volkswagen entschieden hat, den noch relativ frischen Amarok noch einmal in Marokko zu präsentieren.

2023 wurde in Europa der Amarok II eingeführt, der sich die technische Basis mit dem Ford Ranger teilt, hergestellt wird er in den südafrikanischen Ford-Werken in Pretoria. Man darf es als veritable Fehleinschätzung das ehemaligen VW-Chefs Herbert Diess bezeichnen, dass die Produktion des ursprünglichen Amarok in Hannover schon 2020 eingestellt wurde. Der Visionär war der Meinung, dass die Kapazität für den Bau von E-Autos gebraucht werde, und war davon ausgegangen, dass ein Zollabkommen mit den Mercosur-Staaten den günstigen Import aus Südamerika ermöglichen werde. Beides trat zum erwarteten Zeitpunkt nicht ein, und so musste Ford in die Bresche springen. Die erste Generation des Amarok wird in Argentinien noch weitergebaut, inzwischen leicht überarbeitet und mit einem 3,0-V6-TDI von Audi ausgerüstet. Er macht immer noch rund die Hälfte aller aktuell verkauften Amarok aus, obwohl er nur in Südamerika angeboten wird.

Der Amarok II wird inzwischen ebenfalls nur noch mit einem Sechszylinder-Diesel angeboten. Dabei handelt es sich allerdings um einen Ford-Motor, der die neuesten europäischen Abgasnormen erfüllt. VW hat die Abstammung optisch gut kaschiert: Von außen ist das Design harmonischer und weniger aggressiv als beim Ford, und auch innen hat VW geschickt die eigene Marken-DNA eingefügt. Vieles ist hochwertiger ausgeführt, die Materialien sind besser, die Sitze bequem. Im Infotainment ist die Ford-Logik aber noch deutlich spürbar.

Von Tanger geht es über asphaltierte Landstraßen nach Chechaouén, bekannt als blaue Stadt am Rif-Gebirge. In der marokkanischen Tradition soll blaue Farbe das Schlechte abwehren. Auf den Weg dorthin gibt es reichlich Polizeikontrollen und Radarfallen…

Die topfebenen Asphaltstraßen zeigen die Langstreckenqualitäten des Amarok. Trotz BF-Goodrich-Geländereifen der Dimension 255/65 R 18 läßt sich der von uns in der Topversion Pan Americana bewegte Pick-up angenehm fahren und zeigt hohe Alltagstauglichkeit. Fahrwerk und Lenkung der Ford-Basis wurden für den Amarok eigens abgestimmt, er fährt sich gut, wenngleich man nicht die Präzision eines Sportwagens erwarten darf.

Wir kommen im Rif-Gebirge an, einer grünen Bergregion im Norden Marokkos. Hier gibt es nicht nur wilde Berggipfel und tiefe Schluchten, sondern auch Pinienwälder, Seen und fruchtbare Täler, ganz anders als im südlichen Marokko. Genau diese Berge, die von weitem völlig undurchdringlich wirken, gilt es nun mit dem Amarok zu erkunden.

Kurz über Chechaouén beginnt die Schotterstraße. Anfänglich noch entspannt befahrbar, werden die Kehren rasch steiler und enger, die Steine auf der Fahrbahn größer. Es empfiehlt sich recht bald, den Antrieb von 2H – dem Eco-Modus, einem reinen Hinterradantrieb für den Straßenbetrieb – in 4H, den starren Allradantrieb für lose Untergründe, umzuschalten. In dieser Stellung kann auch mit höheren Geschwindigkeiten gefahren werden.

Tiefe Auswaschungen bezeugen, dass es hier immer wieder starke Regenfälle gibt. Wir gelangen tief in den Talassemtane-Nationalpark, das Vorausfahrzeug fängt sich mit Normalbereifung bereits eine Reifenpanne ein, der Schnitt pendelt sich bei ca. 30 km/h ein. Ein Teil der Piste ist ein beliebter Wanderweg und deshalb gilt es langsam zu fahren und größere Staubaufwirbelungen zu vermeiden, sobald ein Wanderer in Sicht kommt. Die Aussichten sind gigantisch, der erste Pass von fast 1800 Metern Höhe trägt den schönen Namen „Eisschild“.

Es folgt eine längere Abfahrt in ein verwunschenes Tal bis zum Berberdorf Azilane im Herzen des Nationalparks. Hier wird praktisch jeder Quadratmeter terrassiert und genutzt, um –inzwischen legal – Cannabis anzubauen. Die Autos der dort ansässigen Bauern lassen vermuten, daß dieser Anbau lukrativer als gewöhnlicher Ackerbau ist. 

Als es wieder bergauf geht, schalten wird die Geländeuntersetzung ein, das Programm 4L ist für schwierigeres Offroad-Gelände gedacht. Am Fuß des Jebel Khmes (2170 Meter) liegt der nächste Pass, bis in den Frühsommer liegt hier noch Schnee, im Winter sind hier Skitouren möglich. Die einzigartigen Zedern laden zum Verweilen ein, bei 30 Grad ist es unter den Bäumen angenehm, der Duft ist herrlich. 

Eine entspannte Schotterabfahrt durch einen schönen Steineichenwald bringt uns zurück auf Asphalt in den Ort Bab Taza. Noch 40 Minuten und 24 Kilometer, und wir sind nach sechs Stunden Abenteuer zurück in Chechaouén. Bei autokundigen Marokkanern sorgt der Amarok aktuell für viel Aufmerksamkeit, weil er in dieser Form erst Ende des Jahres auf den Markt kommt.

Die Exkursion nach Marokko macht deutlich: Der Amarok ist ein hundertprozentiger Offroader, der ohne Abstriche in den Alltag passt – vor allem mit dem bärigen Sechszylinder-Diesel. Ob in Wolfsburg oder Köln, in Brandenburg oder in Bayern: Wer mit diesem Pick-up unterwegs ist, der könnte sich jederzeit auch ins Offroad-Abenteuer stürzen. (aum)

Daten VW Amarok 3.0 TDI

Länge x Breite x Höhe (m): 5,35 x 1,92 x 1,88
Radstand (m): 3,27
Antrieb: V6-Diesel, 2993 ccm, AWD, 10-Gang-Aut.
Leistung: 177 kW / 241 PS
Max. Drehmoment: 600 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 8,8 Sek.
WLTP-Durchschnittsverbrauch: 10,4 Liter
CO2-Emissionen: 273 g/km
Leergewicht / Zuladung: min. 2393 kg / max. 957 kg
Kofferraumvolumen: 640–2075 Liter
Max. Anhängelast: 3500 kg
Preis: 63.642 Euro

Veröffentlicht am 31.10.2026

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