Im Rückspiegel: Audi in den USA
Angefangen hat es eher bescheiden: 1969, also zum Modelljahr 1970, kam Audi mit dem Super 90 und der ersten Generation des Audi 100 auf den Markt. Der Super 90 war die höchsten Ausbaustufe jener braven, noch vom DKW F103 abgeleiteten Mittelklasse-Limousine, die in Deutschland vor allem als Audi 60 noch bis in die frühen 80er-Jahre im Straßenbild präsent war. Daneben trat der größere und modernere Audi 100. Von Anfang an operierte Audi mit Porsche in einer gemeinsamen Vertriebsgesellschaft, das Image der Zuffenhausener Sportwagenmanufaktur färbte auch auf Audi ab; erst 1984 nabelte sich Porsche ab. Der erste Audi 80, der den Super 90 ersetzte wurde in den USA als Audi Fox verkauft, inklusive einer in Deutschland unbekannten und direkt vom VW Passat Variant abgeleiteten Kombiversion.
Die zweite Generation von Audi 80 und Audi 100 hörten in den USA auf die unbescheidenen Modellbezeichnungen 4000 und 5000, dem Zeitgeschmack entsprechend oft mit bunten und plüschigen Interieurs. Der erste Quattro sorgte schließlich für Aufsehen unter Enthusiasten: Auch in den USA faszinierte das Konzept mit Fünfzylinder-Turbo und permanentem Allradantrieb.
Mit dem Aerodynamik-Weltmeister Audi 100/5000 der dritten Generation schien der Durchbruch geschafft. Doch nach Anfangserfolgen brach ein unerwartetes Problem über die Marke herein: Kunden behaupteten, die Autos würden sich selbständig machen, ohne Gasgeben durch Garagenmauern krachen. Die Medien, allen voran das berüchtigte CBS-Magazin “60 Minutes”, stürzten sich auf das angebliche Phänomen der “unintended acceleration”. Audi landete vor Gericht und musste mehrere Rückrufe in Kauf nehmen. Die Verkaufszahlen brachen ein, das Image war aufs erste ramponiert, auch wenn die Beweise eher für Fehlbedienungen als für eine Fehlkonstruktion sprachen.
Während bei Normalverbrauchern Skepsis gesät war, gewann Audi bei sportlichen Fahrern weiter an Respekt. Dazu zählten nicht zuletzt die Motorsport-Aktivitäten, beginnend mit der Teilnahme am Pikes-Peak-Bergrennen, das Audi von 1985 bis 1987 dreimal in Serie gewann. 1988 holte Audi mit dem 200 Quattro den Sieg in der TransAm-Serie, 1989 ließ der Audi 90 Quattro die Konkurrenz in der IMSA-GTO-Serie hinter sich.
Audi eroberte sich auch in den USA seinen Platz im automobilen Oberhaus: A8, R8 und Q7 definierten die Marke neu, flankiert von weiteren Motorsport-Erfolgen: Von 2000 bis 2005 holte Audi sich mit dem Mittelmotor-Sportwagen R8 in ununterbrochener Folge den Sieg in der American-Le-Mans-Serie und bei den 12 Stunden von Sebring.
Von 2006 bis 2008 knüpfte der Rennwagen R10 TDI nahtlos an diese Siegesserie an, 2009 reüssierte man noch einmal mit dem R15 TDI in Sebring. Mit diesen Erfolgen ging eine TDI-Produktoffensive bei den Händlern einher, mit der die Amerikaner auf saubere und komfortable Dieselantriebe eingestimmt werden sollten. Tatsächlich feierte der Selbstzünder, der in den USA bereits in den frühen 80er-Jahren eine schillernde Blüte hingelegt hatte, in den frühen 10er-Jahren sichtbare Erfolge. Doch der Durchbruch scheiterte am „Dieselskandal”. Obwohl sich die Empörung in den USA vor allem über die Konzernmutter Volkswagen ergoss, sah sich Audi gezwungen, die Diesel-Typen vom US-Markt zurückzuziehen.
Audi hat auch diese Krise in den USA längst überwunden; heute genießt die Marke in den USA ein hervorragendes Image, gilt als sportliche und designorientierte Alternative zur Konkurrenz von BMW und Mercedes-Benz. Es hilft der Marke dabei, dass man den Verbrennungsmotor weiter gepflegt hat, denn die Transformation zur E-Mobilität ist in den USA inzwischen abgeblasen. So verfügt Audi weiterhin über einen hochentwickelten V8-Motor, der etwa bei Genesis oder Lexus mittlerweile fehlt.
Kein Wunder, dass die Ingolstädter in den letzten Monaten bereits zweimal dokumentiert haben, welche Bedeutung der US-Markt besitzt: Der Q9 feierte in New York seine Weltpremiere, kurz darauf gab der Supersportwagen Nuvolari auf dem Concours d’Elegance in Pebble Beach sein Stelldichein. Döllners Planungen in Georgia unterstreichen nun: Audis Zukunft liegt zunehmend in Amerika. (aum)
Veröffentlicht am 27.10.2026












