2026-06-22 12:46:00 Automobile

Mercedes-Benz VLE: Der gute Stern unter den Vans

Carzoom.de
Fotos: Matthias Knödler via Autoren-Union Mobilität

Es ist eine der erstaunlichsten Karrieren der Nutzfahrzeuggeschichte: In den späten 40er-Jahren hatte der verflossene Hersteller DKW den Schnellaster mit Zweitaktmotor entwickelt, zunächst mit 20 PS. Anfang der 60er-Jahre wurde daraus in Spanien der DKW F 1000, der dann zum Mercedes MB 100 mutierte. Dieses Fahrzeug kam nach mehreren Facelifts 1988 auf den deutschen Markt zurück, wo es das Nutzfahrzeugprogramm nach unten abrundete. In den 90er-Jahren folgte der Sprung zu V-Klasse und Vito – und in dieser Linie steht jetzt der neue VLE, mit dem Mercedes-Benz sich an die Spitze des Segments setzen will.

Dieses Segment hat sich wiederum stark gewandelt. Natürlich geht es auch heute noch darum, Personen und Waren möglichst effizient zu befördern. Doch die Ansprüche haben inzwischen Oberklasse-Niveau erreicht. Vans wie der neue VLE kommen bisweilen als Hotel- und Kongress-Shuttles zum Einsatz; sie können als Freizeitmobile dienen und sollen den Komfort einer Limousine bieten.

Mehr Raum und mehr Komfort: Mercedes-Benz hat auf den Kunden gehört. Obwohl er zunächst mit Elektroantrieb auf den Markt kommt, steht das „E” beim VLE nicht für den Batterieantrieb, sondern für die Positionierung auf dem Markt, analog zur E-Klasse. Es wird auch einen nochmals höher positionierten VLS geben. Bis dahin jedoch will der mit bis zu acht Sitzplätzen verfügbare VLE das beste und luxuriöseste Angebot im Segment sein.

Die neue V-Generation ist glatt gezeichnet und hat einen sehr prominenten Kühlergrill, der entweder mit Zentralstern ausgerüstet ist oder in zwei Varianten mit Haubenstern kommt – erstmals bei einem Van der Marke. Der cw-Wert beträgt 0,25, das Platzangebot ist äußerst großzügig, bis zu 4078 Liter passen je nach Bestuhlung in den Gepäckraum. Eine ab nächstem Jahr verfügbare Langversion soll sogar 4300 Liter fassen können.

Zu den vielen Premium-Elementen gehören vollversenkbare Scheiben in den Schiebetüren, es gibt verschiedene Mehrzonen-Klimaanlagen, vordere und hintere Bildschirme dienen der Information bzw. Unterhaltung.

Das alles fühlt sich in der Praxis sehr gut an. Die Sitze sind sehr bequem, nur bei der Basis-Bestuhlung sind Abstriche zu machen: Hier würde man sich wünschen, tiefer in der Polsterung zu sitzen. Immerhin: Auch das Basis-Stoffmaterial wirkt modern und hochwertig. Für Familie und Freizeit kommen ohnehin nur diese Basissitze in Frage, da die hinteren Sitze sich nur in dieser Version auf Rollen bewegen lassen und mit 27 Kilogramm auch leicht herauszuheben sind.

Die beiden anderen Konfigurationen wiegen bis zu 60 Kilogramm pro Sitz und bedürfen des Einsatzes von Schraubenziehern, sie sind zudem nicht rollbar. In der Topversion „Exclusive” mit dem „Premium Plus Package” kann man sich andererseits auf S-Klasse-Niveau chauffieren lassen. Tief eingebettet in die Ledersessel lässt sich so das 750-Watt-Soundsystem mit seinen 22 Lautsprechern genießen; es stammt aus dem Hause Burmester.

Die Lautsprecher sind intelligent vernetzt, der Klang ist großartig und auf die jeweiligen Passagiere angepasst: Die Passagiererkennung funktioniert über das Gurtschloss. Und hier gibt es auch einen großen Bildschirm, der im Splitscreen-Modus beide Personen im Fond glücklich machen kann; jeder hat seinen eigenen Bluetooth-Kopfhörer. Auch Videokonferenzen sind gut zu führen.

Wir sind den Van in der Variante VLE 300 mit 203 kW (176 PS) und Frontantrieb sowie als VLE 400 4-Matic mit 310 kW (421 PS) und Allradantrieb gefahren. Doch bevor es an die Fahreindrücke geht, schauen wir uns den VLE an und nehmen Platz: Unser Stromverbrauch lag bei normaler Fahrt bei rund 17 bis 18 kWh/100k, wobei die Spannbreite von 13,5 kWh bei extremer Sparfahrt und bis 22 kWh bei sehr engagiertem Fahrstil recihte. Die WLTP-Reichweite soll 700 Kilometer betragen. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 180 km/h.

Nicht nur die Passagiere sind gut aufgehoben, auch der Fahrer hat Grund zur Freude. Der VLE lässt sich sehr komfortabel fahren, fast wie eine Limousine, natürlich bemerkt man den hohen Schwerpunkt und die ausladenden Dimensionen. Der Allradantrieb ist nicht unbedingt notwendig, ebensowenig wie die Extra-Leistung, mit der die 400er-Varianten aufwartet. Das aktuell noch obligatorische Luftfahrwerk ist sehr gut abgestimmt, der Sport-Modus erlaubt zügige Kurvenfahrten.

Die Comfort-Einstellung wiederum schafft maximales Luxusgefühl bei normaler Fahrt. Die mitlenkende Hinterachse macht den VLE jedenfalls deutlich agiler. Nur bei kurzen Bodenwellen bemerkt man den langen Radstand. Später werden einige Optionen abwählbar sein, um den Preis zu reduzieren. Übrigens: Die 22-Zoll-Räder sehen sehr gut aus und verfügen für den Komfort über einen 40er-Querschnitt, was das Rad insgesamt sehr groß macht. Das ca. vier Kilo pro Rad leichtere 20-Zoll-Rad hat einen 50er-Querschnitt und wirkt merklich angenehmer.

Trotz der aufwendigen Bemühungen um Leichtbau – die Karosserie besteht zu 50 Prozent aus Aluminium – kommt ein vollbeladener VLE locker auf 3,5 Tonnen Gesamtgewicht, je nach Variante auch mehr. Dem einen oder anderen Kunden dürfte das zu viel sein. Aber es kommen ja noch weitere interessante Versionen dieser neuen Mercedes-Baureihe auf den Markt. Und zwar mit klassischem Verbrennungsmotor. Die Elektroversion startet bei 64.808 Euro, zum Marktstart sind allerdings noch so viele Optionen obligatorisch, dass unter 80.000 Euro kaum etwas gehen dürfte. (aum)

Veröffentlicht am 22.06.2026

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