2026-03-25 11:21:00 Automobile

Willkommen in der „weißen Hölle“

Carzoom.de
Fotos: Nokian via Autoren-Union Mobilität

Der finnische Reifenhersteller Nokian Tyres betreibt im nordfinnischen Ivalo das weltweit größte Entwicklungszentrum für Winterreifen. Vor 40 Jahren begannen dort die Praxistests mit Autoreifen auf Schnee und Eis, denn es herrschen sechs Monate pro Jahr arktische Bedingungen. Das mehr als 700 Hektar große Areal ist auch bekannt als „weiße Hölle“.

Schnee, Eis, Dauerfrost, Dunkelheit. Im nordfinnischen Örtchen Ivalo, 235 Kilometer nördlich des Polarkreises, herrschen mindestens die Hälfte des Jahres Bedingungen vor, die selbst hartgesottene Winter-Fans bibbern lassen. 3400 Einwohner leben in Ivalo, dem damit größten Ort Nordlapplands, der sogar einen Flughafen hat, nebenbei der nördlichste in der EU. Insbesondere die Reifenindustrie hat die eisige Enklave für sich entdeckt. Zahlreiche Hersteller entwickeln und testen im nördlichen Lappland neue Winterreifenmodelle unter Extrembedingungen. Das größte Winterreifen-Testzentrum betreibt dort der finnische Anbieter Nokian Tyres. „White Hell“, die weiße Hölle, nennt der Reifenhersteller das Areal.

„Als die ‚White Hell‘ 1986 eröffnet wurde, gab es hier nur einen zugefrorenen See und noch kein Gebäude. Es gab nur den Winter“, sagt Matti Suuripää, Facility Manager des Testzentrums in Ivalo. Auf mehr als 700 Hektar erstreckt sich die „weiße Hölle“ mittlerweile. Der Komplex von Nokian Tyres, der in diesem Jahr das 40-jährige Bestehen feiert, ist das weltweit größte Testgelände seiner Art. Genau wie die grüne Hölle, die Nürburgring-Nordschleife, ein Testlabor für Automobilhersteller ist, dient die weiße Hölle als gigantisches Erprobungsgebiet für Winter- und Ganzjahresreifen. Auf mehr als 20 verschiedenen Teststrecken mit insgesamt gut 40 Kilometern Länge – zugefrorene Seen, verschneite Landstraßen und speziell angelegte Parcours – entwickelt Nokian Tyres neue Reifen unter Extrembedingungen.

Die beeindruckendste Einrichtungen vor Ort ist wohl die 700 Meter lange und etwa 15 Meter breite, komplett überdachte Eisbahn. Es ist eine Art Eispalast für Reifentester, rund 10.500 Quadratmeter spiegelglatte Fahrbahn. Im realen Straßenverkehr sind schon wenige eisige Stellen auf der Fahrbahn ein Alptraum für Autofahrer. Hier in Ivalo wird das Glätte-Szenario zur Riesen-Rutschbahn. Und zum eiskalten Hightech-Umfeld, denn hier werden unter anderem jene Gummimischungen erprobt, die im Ernstfall immer noch ausreichend Grip und damit ein verlässliches Fahrverhalten ermöglichen. Gerade werden Winterreifen auf einem neuen VW Golf GTI getestet. Am Fahrzeug fallen spezielle Reinigungsbürsten vor den beiden Vorderrädern auf: Sie sollen jene noch so kleine Verunreinigung von der Eisfläche wischen, damit möglichst exakte Messergebnisse erzielt werden.

Die gigantische Eisbahn ist nur eine der vielen Herausforderungen, die hier auf neue Winterreifen warten. Auf eisigen Kreisbahnen messen die Entwickler etwa auch die Seitenführung der Pneus bei Glätte und Schnee. Auf steilen Anstiegen testen erprobte Fahrer die Beschleunigung und Traktion neuer Pneues unter Rallyebedingungen. Auf Eispisten können zudem Spike-Reifen für den nordeuropäischen Markt, die in Deutschland nicht zulässig sind, an ihre Grenzen gebracht werden.

Rund 5000 Pkw- und Nutzfahrzeugreifen werden in der weißen Hölle von Ivalo pro Wintersaison getestet, die hier jeweils von November bis April dauert. In den übrigen Monaten sind die Bedingungen selbst in Ivalo, nun ja: mild und mitunter sogar sommerlich. Doch auch während der Testphasen sind Temperaturschwankungen von bis zu 40 Grad zwischen Tag und Nacht möglich. Ein herausforderndes Umfeld, das jedoch ein ideales Setting für die zunehmend wechselhaften Winterbedingungen in Mittel- und Südeuropa darstellt. Deshalb können auch im vergleichsweise milden März des Jahres 2026 – aktuell herrschen in Ivalo Plusgrade – Reifen im schmierig-wässrigen Schneematsch weiterentwickelt werden.

Das ist umso willkommener, als Nokian Tyres Mittel- und Südeuropa als wichtige, künftige Zukunftsmärkte definiert hat. Der Grund: Nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine im Februar 2022 hat der finnische Hersteller den bis dahin wichtigen Exportmarkt Russland aufgegeben. Jetzt folgt eine Neuaufstellung: Mit neuen Produkten für den mittel- und südeuropäischen Markt; mit neuen Werken wie der Fabrik im rumänischen Oradea – das erste CO2-emissionsfreie Reifenwerk der Welt. Und mit neuen Zielen: Denn mit dem neuen Winterreifen Snowproof 3P, der gerade in Ivalo vorgestellt wurde, will der finnische Hersteller ins Premiumsegment vorstoßen. Im Auftrag von Nokian Tyres verglich der TÜV Süd den neuen Pneu mit den aktuellen Modellen von den Premiumkonkurrenten Bridgestone, Continental, Goodyear und Michelin. Ergebnis: Der finnische Reifen bewege sich „in fast allen Kriterien auf oder über dem Niveau der als Vergleichsmaßstab mitgetesteten Premium-Konkurrenten“.

Bis der Snowproof 3P als Serienprodukt vorgestellt werden konnte, musste er ebenfalls einige tausend Kilometer auf dem Wintertestgelände in Ivalo zurücklegen. Unter anderem dort wurde das neue „Triple Zone Tread“-Profil feinjustiert. Es setzt sich zusammen aus der Arctic-Zone für die Herausforderungen bei winterlichen Bedingungen, der Aqua-Zone für die Probleme, die bei Aquaplaning entstehen, und der Performance-Zone zusammen, die für eine möglichst hohe Lenkpräzision auch unter widrigen Bedingungen sorgen soll. Hinzu kamen weitere hunderttausend Kilometer bei Langlebigkeitstests, die unter anderem auch auf deutschen Straßen abgespult wurden. Ab Herbst ist der neue Winterreifen erhältlich. In Ivalo laufen dann bereits die Vorbereitungen für die nächste Winterreifen-Testsaison. (aum)

Veröffentlicht am 25.03.2026

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