Fahrbericht Nissan Micra: Kulleraugen unter Strom
Denn dieser Kleinwagen schaut einen an. Mit großen Kuller-Augen-Leuchten vorne und hinten, mit weichen Flächen und einer Formensprache, die auf den ersten Blick freundlich und sympathisch wirkt. Was für Produktmanagerin Kira Gerle-Plarinos auch als entscheidender Vorzug – neben einigen zusätzlichen Ausstattungen wie One-Pedal-Stop und Wärmepumpe – gegenüber dem eher kantig gestylten Renault-Bruder gilt. Auf der Straße jedenfalls ragt der kleine Fünftürer damit ganz eindeutig aus dem automobilen Einerlei heraus. Dort zählt aber auch, wie er sich bewegt und ob er mehr kann als nur eine gute Figur abzugeben.
Für die erste Ausfahrt stand allein die stärkere Version mit 110 kW oder 150 PS zur Verfügung. Sie mobilisiert 245 Newtonmeter Drehmoment und beschleunigt den Micra in 8,0 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit ist allerdings auf 150 km/h limitiert, im Eco-Modus gar auf 115 km/h. Doch nach den ersten Kilometern zeigt sich, dass er damit nicht nur auf Stadtverkehr zugeschnitten ist. Der kleine Stromer kommt an der Ampel zügig weg, im dichten Verkehr schwimmt er problemlos mit, auf Landstraßen reicht die Leistung locker aus, um entspannt unterwegs zu sein und auch das Einfädeln auf Schnellstraßen und Autobahnen gelingt flott und souverän. Besonderes Temperament entwickelt der Micra dabei nicht, doch für den automobilen Alltag reicht das mehr als vollkommen.
Alternativ gibt es den Micra auch mit 90 kW (122 PS). Diese Version kommt mit 225 Newtonmetern Drehmoment aus, benötigt 9,0 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h und fährt ebenfalls maximal 150 km/h. Für den reinen Stadt- und Pendelbetrieb dürfte das auch genügen, die stärkere Variante wirkt allerdings deutlich passender, sobald der Micra nicht nur im urbanen Umfeld bewegt werden soll.
Die Lenkung arbeitet direkt und zügig genug, um den Wagen auch in engen Straßen und kurvigen Abschnitten auf Spur zu halten. Der Micra lässt sich sauber platzieren und wirkt auch bei schnellen Richtungswechseln kontrolliert. Das Fahrwerk ist klar straff abgestimmt. Auf guten Straßen passt das gut zum Fahrzeug, tauchen Querfugen, Temposchwellen oder kurze Unebenheiten auf, werden die Stöße jedoch spürbar weitergereicht. Unangenehm hart wird der Nissan deshalb nicht, besonders nachgiebig federt er aber auch nicht. Bei stärkerem Pedaldruck aus Kurven oder Kreisverkehren heraus, scharren die Vorderräder außerdem auch schon mal mit den Hufen. Das ist kein gravierender Mangel, rundet den Fahreindruck aber in eine klare Richtung ab: Der Micra fährt ordentlich und präzise, setzt fahrdynamisch jedoch keine besonderen Glanzpunkte.
Positiv fällt die Geräuschkulisse auf. Bei Stadt- und Landstraßentempo bleibt der Innenraum angenehm ruhig. Abroll und Antriebsgeräusche halten sich zurück, erst bei höherem Autobahntempo nehmen Windgeräusche merklich zu. Alles noch im Klassenrahmen, aber zugleich auch ein Hinweis darauf, dass der Micra eher im urbanen und regionalen Umfeld zuhause ist.
Auch beim Verbrauch zeigt sich, dass der Micra seine Stärken eher im gemischten Alltagsbetrieb hat. Nissan nennt für beide Motorvarianten WLTP-Verbrauchswerte von 14,2 bis 14,7 kWh pro 100 Kilometer. Wer viel Stadt und Landstraße fährt, kann in die Nähe der Norm kommen. Wer längere Autobahnetappen einplant, wird sich deutlich davon entfernen. Nach unserer Testfahrt über rund 220 Kilometer von Brüssel nach Düsseldorf bei 16 Grad plus und mit einigen zügigen Autobahn-Etappen zeigte unser Bordcomputer 18,7 kWh. Was sich entsprechend in der Reichweite widerspiegelt. Mit der von uns gefahrenen 52-kWh-Batterie sollen nach WLTP-Norm im Idealfall 416 Kilometer möglich sein. Mit dem erhöhten Testverbrauch waren bei Ankunft in Düsseldorf nur noch knapp 85 Kilometer drin. Das überrascht nicht, reagieren doch gerade kleine Elektroautos auf höhere Dauergeschwindigkeiten empfindlich. Unterm Strich ist der Micra kein Effizienzwunder, aber auch kein Stromverschwender.
Geladen wird an der Wallbox mit 11 kW Wechselstrom, am Schnelllader mit 80 kW bei der kleinen Batterie und mit bis zu 100 kW beim 52-kWh-Akku. Für den üblichen Ladevorgang von 15 auf 80 Prozent gibt Nissan rund 30 Minuten an. Im Alltag hilfreich ist die Rekuperation, die sich über Wippen am Lenkrad in vier Stufen einstellen lässt. Anders als der Renault-Bruder verzögert der Micra in der höchsten Stufe (One-Pedal-Stop, ab Advance) sogar bis zum Stillstand. Gerade im Stadtverkehr funktioniert das gut, weil sich Tempoänderungen vor Kreuzungen, Kreisverkehren oder dichtem Verkehr häufig allein über das Fahrpedal erledigen lassen.
Auch die Bedienung ist weitgehend unproblematisch. Das Cockpit kombiniert ein zentrales 10,1-Zoll-Touchdisplay mit physischen Tasten und Schaltern. Beim Instrumentendisplay gibt es je nach Ausstattung 7,0 oder 10,1 Zoll. Das ist nicht spektakulär, im Alltag aber praktisch. Wichtige Funktionen bleiben direkt erreichbar, ohne dass man sich durch mehrere Menüs arbeiten muss. Das Infotainment mit Google-Integration (ab Advance) arbeitet schnell, Google Maps übernimmt die Navigation samt Ladeplanung, dazu kommen Google Assistant und App-Einbindung und die Sprachbedienung spart an manchen Stellen Eingaben per Hand. Praktisch ist auch, dass das System schon beim Einsteigen hochfährt. Das spart Zeit und wirkt im täglichen Umgang angenehm unkompliziert.
Vorne sitzt man im Micra ordentlich. Die Sitzposition fällt eher tief aus, was gut zum straffen Fahreindruck passt. Im Fond wird das Kleinwagen-Format dann jedoch schnell spürbar. Zwar gibt Nissan fünf Sitzplätze an, tatsächlich ist die zweite Reihe aber maximal auf Kinder oder kürzere Strecken mit Erwachsenen zugeschnitten. Solange sie nicht allzu groß sind. Denn durch den kleinen Türausschnitt hinten muss man schon stark den Kopf einziehen. Hinzu kommt, dass sich die Füße so gut wie nicht unter die Vordersitze schieben lassen.
Auch der Kofferraum erfüllt mit seinen 326 Liter nur Mittelmaß. Bei umgeklappter Rückbank wächst das Volumen auf 1106 Liter. Das liegt im Rahmen der Klasse, relativiert sich durch die hohe Ladekante und die deutliche Stufe nach dem Umlegen der Lehnen aber in der Praxis wieder etwas. Einen Frunk gibt es nicht. Das Ladekabel liegt also im Gepäckraum. Positiv ist immerhin, dass der Micra gebremst wie ungebremst bis zu 500 Kilogramm Anhängelast ziehen darf.
Zum Schluss die Preise: Der Micra in der Grundaussttatung Engage mit 90 kW, 40-kWh-Akku und 317 Kilometern Reichweite startet ab 27.990 Euro, immerhin schon inklusive schlüssellosem Zugang, Klimaautomatik mit Fern-Vorklimatisierung und Wärmepumpe, wenn auch noch mit Stahlfelgen. Der Micra Advance inklusive 10,1 Zoll-Fahrerdisplay, One-Pedal-Stop-Funktion und integrierte Google-Dienste sowie mit 110 kW und 52-kWh-Batterie kostet ab 32.990 Euro. Die Topversion Evolve, unter anderem mit V2L-Adapter für das externe Aufladen elektrischer Gerät, Premium-Soundsystem, Sitzheizung, Zweifarblackierung und 18-Zoll-Leichtmetallräder steht mit 34.900 Euro in der Liste. Privatkunden gewährt Nissan bei Vertragsabschluss bis 31. März einen Bonus von 3600 Euro. Wer dazu noch in den vollen Genuss der staatlichen Förderung von bis zu 6000 Euro kommt, kann bei Kauf, Leasing oder Finanzierung also bereits für 18.390 Euro in den Nissan Micra einsteigen.(aum)
Daten Nissan Micra Evolve
Länge x Breite x Höhe (m): 3,97 x 1,77 x 1,50
Radstand (m): 2,54
Antrieb: E-Motor, FWD, 1-Gang-Getriebe
Leistung: 110 kW / 150 PS
Max. Drehmoment: 245 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 150 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 8,0 Sek.
WLTP-Durchschnittsverbrauch: 14,7 kWh
Batteriekapazität: 52 kWh
WLTP-Reichweite: 416 km
Leergewicht / Zuladung: min. 1527 kg / max. 403 kg
Kofferraumvolumen: 326–1106 Liter
Max. Anhängelast: 500 kg
Basispreis: 34.900 Euro
Veröffentlicht am 13.03.2026
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