„Jungen Menschen den Zugang zu Mobilität erleichtern“
Herr Satz, wann wurde Moving gegründet und welche Ziele verfolgt der Verein?
„Die Moving International Road Safety Association wurde 2011 gegründet. Unser Anspruch ist, die Verkehrssicherheit durch eine qualitätsorientierte, professionelle Fahrerlaubnis- und Fahrlehrerausbildung nachhaltig zu stärken. Darüber hinaus setzen wir uns dafür ein, insbesondere jungen Menschen den Zugang zu Mobilität zu erleichtern und die politischen sowie gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für eine sichere und faire Verkehrsteilnahme aktiv mitzugestalten.“
Wer sind die Mitglieder und wer kann dem Verein beitreten?
„Unsere Mitglieder sind überwiegend Unternehmen und Organisationen aus dem Bereich der Fahrschüleraus- und weiterbildung. Dazu gehören vor allem deutsche und europäische Verkehrslehrmittelverlage, Fahrschulverbände, Fahrschulen und weitere Interessenvertretungen, zum Beispiel die BAGFA als Verband der Fahrlehrerausbildungsstätten. Unser besonderes Augenmerk gilt einer qualitativ hochwertigen und professionellen Aus- und Weiterbildung von Fahrschülern.“
Können Sie sagen, was ein Pkw-Führerschein heute ungefähr im Schnitt kostet und wie sich die Preise in den vergangenen zehn oder 20 Jahren entwickelt haben?
„Unsere Umfrage vom Januar hat durchschnittliche Führerscheinkosten in Höhe von 3228 Euro ermittelt. 76 Prozent der Befragten haben Kosten zwischen 2500 und 4000 Euro angegeben. Ausreißer nach oben gibt es in Großstädten. Im Langzeitvergleich wird der Anstieg der Führerscheinkosten deutlich. Unsere Erhebungen reichen bis ins Jahr 2017 zurück: Damals lagen die durchschnittlichen Kosten für einen Führerschein der Klasse B bei rund 1775 Euro, mit einer Preisspanne von etwa 1500 bis 2500 Euro.“
Was sind die wesentlichen Kostentreiber?
„Da sind vorrangig die gestiegene Anzahl an Fahrstunden in Kombination mit deutlich höheren Preisen pro Stunde zu nennen. Nach Moving-Recherchen werden aktuell im Schnitt rund 37 Fahrstunden à 45 Minuten benötigt, die durchschnittlich 64 Euro kosten. Das entspricht nahezu einer Verdopplung der Kosten innerhalb von zehn Jahren. Hinzu kommen niedrige Bestehensquoten: Nur um die 60 Prozent der Prüflinge bestehen die praktische Prüfung beim ersten Versuch. Jeder zusätzliche praktische Anlauf erhöht die Ausbildungskosten um durchschnittlich 500 bis 550 Euro. Für nicht bestandene Theorieprüfungen kommen pro Versuch weitere 100 bis 150 Euro hinzu. Zudem steigen auf Seiten der Fahrschulen die Betriebskosten: Die Personalkosten machten 2015 noch etwa 30 Prozent des Umsatzes und 47 Proztent der Betriebsausgaben aus. 2024 lagen diese Anteile bereits bei 35 Prozent des Umsatzes und über 50 Prozent der Kosten. Das bedeutet einen Anstieg von über 85 Prozent innerhalb von neun Jahren. Gleichzeitig sind auch die Fahrzeugkosten um rund 50 Prozent gestiegen.
Ein zusätzliches Problem ist der akute Fahrlehrermangel. Das Durchschnittsalter der beim Kraftfahrt-Bundesamt registrierten Fahrlehrer liegt bei 53,9 Jahren, rund 26 Prozent sind bereits 65 Jahre oder älter. Laut unserer Umfrage vom Januar fehlen bundesweit rund 11.000 Fahrlehrer, davon etwa die Hälfte allein in der Klasse B. Ohne strukturelle Reformen in der Ausbildung, bei den Arbeitsbedingungen und in der Nachwuchsförderung drohen langfristig Engpässe – mit weiteren Auswirkungen auf Verfügbarkeit und Kosten der Führerscheinausbildung.“
Welche Vorschläge macht der Verein, um die Kosten für den Führerscheinerwerb zu senken?
„Zum einen fordern wir die Anerkennung der Führerscheinausbildung als haushaltsnahe Dienstleistung nach Paragraph 35a des Einkommenssteuergesetzes. Dann könnten Steuerpflichtige ihre Ausbildungskosten ganz einfach direkt in ihrer Einkommensteuererklärung absetzen. Zum anderen plädieren wir für eine Verbesserung der Ausbildungsqualität durch strukturierte Lernstandskontrollen – mit dem Ziel, die Bestehensquoten zu erhöhen und dadurch Kosten zu senken. Schließlich muss auch die Ausbildung selbst optimiert werden. Hier gibt es die OFSA 2, die geplante Reform zu einer modernen und effektiven Fahrschulausbildung mittels neuer Lehrmethoden und digitaler Inhalte. Ein wichtige Rolle spielt dabei eine stärkere Integration von Fahrsimulatoren in die Ausbildung. Moving fordert und unterstützt hier eine schnelle Umsetzung."
Warum halten Sie den Pkw-Führerschein für so wichtig?
„Der Pkw-Führerschein ist für viele Menschen ein Schlüssel zur persönlichen Freiheit und zur beruflichen Teilhabe. Das gilt vor allem für ländliche Regionen, in denen der öffentliche Nahverkehr oft nur unzureichend ausgebaut ist. Mit dem Führerschein eröffnen sich in diesem Umfeld jungen Menschen bessere Ausbildungs- und Arbeitsplatzchancen, während Ältere leichter ihre Mobilität erhalten können.“
Wie setzt Moving seine Anliegen um?
„Wir stehen in engem Austausch mit politischen Entscheidungsträgern, Behörden und Verbänden und bringen unsere fachliche Expertise aktiv in gesetzgeberische Prozesse ein mit Ansprechpartnern unter anderem im Bundestag, im Bundesrat sowie im Bundesministerium für Verkehr. Zudem beteiligen wir uns an der Erstellung wissenschaftlicher Studien – in Zusammenarbeit mit Universitäten oder durch die Beauftragung externer Forschungseinrichtungen – und verfassen gutachterliche Stellungnahmen zu aktuellen und branchenspezifischen Themen. Durch gezielte Lobbyarbeit setzen wir uns für Reformen ein, die den Zugang zum Führerschein erleichtern und gleichzeitig eine qualitativ hochwertige Fahrausbildung gewährleisten.“
Der englische Vereinsname und der Begriff International klingen nach einem Engagement über Deutschland hinaus.
„Ja, unsere Mitglieder kommen aus neun europäischen Ländern. Moving ist auch auf europäischer Ebene aktiv und in Brüssel gut vernetzt. Ein aktuelles Beispiel ist die Mitwirkung an der Ausarbeitung der vierten EU-Führerscheinrichtlinie, die zu einer deutlichen Senkung der Unfallzahlen beitragen soll. In diesem Rahmen unterstützen wir die entsprechenden Gremien beratend. Darüber hinaus pflegen wir regelmäßigen Austausch mit internationalen Partnerorganisationen wie dem European Transport Safety Council, der Internationalen Kommission für die Führerscheinprüfung CIECA oder der European Road Safety Charter, einer Initiative der Europäischen Kommission zur Verbesserung der Straßenverkehrssicherheit in der EU.“
Geht es Moving nur um die Pkw-Erlaubnis?
„Nein, keineswegs. Die Pkw-Erlaubnis ist nicht nur für die individuelle Mobilität wichtig, sondern auch eine grundlegende Voraussetzung für weiterführende Fahrerlaubnisklassen wie Lkw und Bus. Angesichts eines akuten Fachkräftemangels in der Logistikbranche setzen wir uns dafür ein, dass sich für mehr Menschen der Weg zur Klasse-B-Erlaubnis realisieren lässt und damit auch die Basis für potenzielle Berufskraftfahrer verbreitert wird. Auch den Fahrschulen fehlen über 10.000 Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer. Wir bieten hier für Interessierte, die die formalen Voraussetzungen für den Fahrlehrerberuf derzeit nicht erfüllen, einen Berufseignungstest an.“
Welche Wünsche oder Forderungen haben Sie generell, wenn es um individuelle Mobilität geht?
„Unser zentrales Anliegen ist die Zukunftsfähigkeit der individuellen Mobilität – mit besonderem Fokus auf Qualität, Sicherheit und Nachhaltigkeit. Dafür setzen wir uns für lebenslanges Lernen ein, das bereits in Kitas und Schulen beginnen sollte. In der Fahrschüleraus- und -weiterbildung fordern wir hohe Standards zu bezahlbaren Konditionen sowie den Zugang zu moderner, nachhaltiger Mobilität – insbesondere unter Einbeziehung neuer Technologien wie der Elektromobilität, Ein wichtiger Baustein ist für uns das begleitete Fahren ab 17 Jahren. Wir sprechen uns für eine deutlich intensivere Nutzung dieses Modells aus, da es nicht nur zu höheren Bestehensquoten führt, sondern auch die Ausbildungskosten im Rahmen hält und zur Verkehrssicherheit beiträgt. Gerade im Bereich Verkehrssicherheit besteht aber auch weiterhin Handlungsbedarf: Trotz rückläufiger Unfallzahlen ist das Niveau nach wie vor zu hoch. Eine qualitativ hochwertige Ausbildung kann hier einen wichtigen Beitrag zu einer Verringerung leisten.“ (aum)
Veröffentlicht am 16.09.2025
Politik & VerkehrSicherheit & VerkehrInterviewsMovingInterviewFahrschulausbildungFührerschein

