2026-05-17 14:45:00 Automobile

Praxistest Alpine A290: Kompakt, scharf, elektrisch

Carzoom.de
Fotos: Alpine via Autoren-Union Mobilität

Alpine unter Strom: Mit der A290 schickt die französische Sportmarke ihren ersten vollelektrischen Hot Hatch ins Rennen. Unser Praxistest mit der A290 GTS zeigt, wie viel Rennsport-DNA im urbanen Kurvenräuber steckt – und ob der digitale Nachfolger dem legendären Erbe des Renault 5 gerecht wird.

Als Renault Mitte der 1970er-Jahre den Kleinwagen R5 in eine kleine Fahrmaschine verwandelte, war der Name Programm: Renault 5 Alpine – ein Sportwagen für die Stadt, entwickelt in Zusammenarbeit mit der Rennabteilung aus Dieppe. Während die Großserie mit 34 bis 64 PS auskommen musste, brachte es die 1976 präsentierte Alpine-Variante dank eines 1,4-Liter-Vierzylinders auf 93 PS und eine Spitzengeschwindigkeit von rund 173 km/h – in einem Auto, das kaum mehr als 840 Kilogramm wog. Damit begründete sie nicht nur den französischen Hot-Hatch-Mythos, sondern bereitete auch die Bühne für die aufkommende Turbo-Ära bei Renault.

1980 legten die Franzosen nach: Der Renault 5 Alpine Turbo übernahm das aus der Formel 1 bekannte Prinzip der Aufladung, wodurch sich die Leistung auf 108 PS und die Höchstgeschwindigkeit auf knapp 190 km/h steigerte. Aus dem einst braven Stadtflitzer wurde endgültig eine Straßenrakete und der Name Alpine avancierte in der Kleinwagenklasse zum Synonym für Leichtbau, Turbo-Power und Fahrspaß auf kurvigen Landstraßen.

Mit der Alpine A290 kehrt das bewährte Konzept zurück: Wieder dient der Renault 5 als Basis, wieder verspricht Alpine mehr Schärfe, mehr Emotion und natürlich die typische Rennstrecken-DNA von Alpine. Der Unterschied: Der Turbolader wird heute durch ein leistungsstarkes E-Aggregat ersetzt. Während die Basisversion der A290 bereits 130 kW (177 PS) mobilisiert, kommt in unserem Praxistest die leistungsstärkere Topversion A290 GTS zum Einsatz. Sie bringt es auf 160 kW (218 PS).

Der erste vollelektrische Hot Hatch der französischen Sportmarke ist weit mehr als nur eine aufgeheizte Variante des Renault 5 E-Tech. Die Alpine A290 setzt bereits aus dem Stand auf Dynamik. Ein markantes Spoilerwerk betont ihre Präsenz, während das Tagfahrlicht mit X-Signatur ihr ein eigenständiges Gesicht verleiht. Die breiten Radläufe und Seitenschweller sind eine bewusste Hommage an den legendären Renault 5 „Backen-Turbo“. Wer diese historische Verbindung jedoch konsequent zu Ende denkt, gelangt unweigerlich zum extremen Renault 5 Turbo 3E. In einer limitierten Kleinserie katapultiert dieser mit 400 kW (544 PS) und einem brutalen Gesamtdrehmoment von 4.800 Nm die Motorsport-Tradition als radikales High-Performance-Modell in die Moderne.

Premium-Anspruch mit Rennsport-Flair

Aber zurück zur A290. Mit einer Länge von fast vier Metern ist die Alpine rund sieben Zentimeter länger als der reguläre Renault 5 E-Tech. Dieser Unterschied geht jedoch ausschließlich auf das Konto der dynamisch geformten Stoßfänger sowie des angedeuteten Heckdiffusors. Der Innenraum der Alpine wirkt dagegen um einiges exklusiver als beim Renault 5 E-Tech, was sich besonders deutlich bei der Premium-Materialauswahl zeigt.

Unser GTS-Testwagen glänzt serienmäßig mit feinem, zweifarbigem Nappa-Leder in Dunkelblau. Das edle Material hüllt neben den Sitzen auch das Cockpit und die Türverkleidungen ein. Zum exklusiven Ambiente gesellt sich erstklassiger Sound: Das Premium-Audiosystem des französischen Klangspezialisten Devialet verwandelt die Alpine in einen rollenden Konzertsaal.

Dass die A290 nicht nur für die Straße, sondern auch für die Rennstrecke geboren wurde, unterstreichen die vorderen Sportsitze: Sie bieten eine gute Konturierung für optimalen Seitenhalt in schnellen Kurven und sind serienmäßig beheizbar. Direkt auf den Motorsport verweist das unten abgeflachte Lenkrad aus Nappaleder mit blauer Zwölfuhr-Markierung. Es beherbergt zudem einige funktionale Highlights, die dem Renault 5 fehlen. Eine auffällig rote „OV“-Taste (Overtake) aktiviert auf Knopfdruck einen kurzzeitigen Leistungsschub, während ein blaues Rädchen daneben die manuelle Regulierung der Rekuperation ermöglicht.

Ein weiterer edler Unterschied zum Renault 5 zeigt sich auf der Mittelkonsole. Anstelle des klobigen Wählhebels hinter dem Lenkrad verfügt die A290 über separate Drucktasten für die einzelnen Fahrstufen. Das auf das Wesentliche reduzierte Layout wurde vom Sportwagen Alpine A110 übernommen. Auch beim Infotainment bleibt es exklusiv. Das Multimediasystem bietet nicht nur eine präzise Routenführung mit Google Maps, sondern auch eine spezifische Telemetrie-App. Diese liefert umfangreiche Echtzeit-Daten, darunter Brems- und Akkutemperatur sowie Leistungsdiagramme und detaillierte Rennstrecken-Analysen für ambitionierte Fahrer.

Ein Elektro-Leichtgewicht stürmt nach vorn

Also los! Der Blick geschärft, die Hände ans griffige Lenkrad und beim Druck aufs Pedal, schießt die A290 los, als hätte jemand die Leine gekappt. Kraftvolle 218 PS und ein Drehmoment von 300 Newtonmetern pressen die kompakte Französin dann spontan nach vorn. Doch beeindruckender als die nackten Zahlen ist die Art und Weise, wie die Leistung auf die Straße gebracht wird. Hierzu wurde das Fahrwerk inklusive der für diese Fahrzeugklasse untypischen Mehrlenker-Hinterachse neu abgestimmt und die Spur im Vergleich zum R5 E-Tech um 60 Millimeter verbreitert. Mit nur 1.554 Kilogramm ist die Französin außerdem ein echtes Leichtgewicht unter den Elektroautos. Das sind ideale Voraussetzungen für maximale Agilität.

Vor allem auf kurvigen Landstraßen überzeugt die Alpine mit einer beeindruckenden Präzision. Die eigens von Michelin für die A 290 entwickelten Reifen Pilot Sport S5 krallen sich förmlich in den Asphalt und die direkte Lenkung folgt präzise ihrem auferlegten Kurs, ohne dabei nervös zu wirken. Dank Torque Vectoring und einem feinfühlig abgestimmten ESP fährt sich die A290 GTS äußerst lebendig, bleibt dabei aber stets berechenbar.

Wer es provoziert, kann sogar das Heck leicht anstellen – ein agiler Charakter, den man bei modernen, elektrischen Fronttrieblern kaum noch findet. Einzig beim harten Herausbeschleunigen stößt das Konzept an seine Grenzen. Beim starken Herausbeschleunigen ist der Antriebseinfluss in der Lenkung deutlich spürbar. Auch scharren die Vorderräder kurzzeitig nach Grip, bis die Traktionskontrolle das kräftige Drehmoment schnell und sanft einbremst.

Während der Sprint von Null auf 100 km/h in 6,4 Sekunden sportlich ausfällt, enttäuscht die Höchstgeschwindigkeit: Bei gerade einmal 170 km/h wird elektronisch abgeregelt. Hier hätte man von einer Marke wie Alpine mehr erwartet, doch die geringe Topspeed ist typisch für E-Autos, um den Akku nicht rasend schnell zu entleeren.

Wenn hoher Fahrspaß auf Physik trifft

Apropos Aktionsradius. Bei zurückhaltender Fahrweise liegt die maximale Reichweite bei 380 Kilometern. Für einen vorwiegend im urbanen Raum genutzten Kleinwagen ist das völlig ausreichend. Zumal der durchschnittliche Testverbrauch von 17,6 kWh nur geringfügig über der Werksangabe von 16,5 kWh lag. Wer das sportliche Potenzial auf der Landstraße oder Autobahn jedoch vollends auskostet, sieht die Reichweite im digitalen Kombiinstrument rapide schwinden. Bei dauerhaftem Vollgas schrumpft der Aktionsradius des 52-kWh-Akkus auf magere 150 Kilometer – und das bei optimalen, warmen Außentemperaturen. Hier kollidieren Fahrspaß und Physik, denn das enorme Leistungspotenzial saugt den kompakten 52-kWh-Akku bei sportlicher Gangart rasant leer.

Ziemlich schade, denn die spontane Leistungsentfaltung und das agile Fahrwerk laden geradezu dazu ein, der leichtfüßigen Alpine permanent die Sporen zu geben. Strom bunkert die A290 übrigens mit einer maximalen Ladeleistung von 100 kW. So dauert es im Idealfall 30 Minuten, um die Akkus von 15 auf 80 Prozent wieder hoch zu pushen. Die meist üblichen Standartwerte.

Doch besonders gelungen ist die Balance zwischen Alltag und Sport. Im Stadtverkehr bleibt die Alpine überraschend zivilisiert und komfortabel; sie federt Unebenheiten sauber weg und gibt sich angenehm leise. Die künstlich generierten Fahrgeräusche sind dabei Geschmackssache. Sie unterstreichen zwar den sportlichen Anspruch, wirken aber glücklicherweise nie aufdringlich. Sie lassen sich auch komplett abschalten. Gleichzeitig genügt ein Dreh am Fahrmodus-Schalter, um aus dem zahmen Stromer einen ernstzunehmenden Kurvenräuber zu machen. Denn wer dieses Auto artgerecht bewegt, misst Fahrspaß nicht in Kilometern – sondern in Kurven.

Veröffentlicht am 17.05.2026

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