Praxistest Benelli Leoncino Bobber 400: Der Exot in der Familie
Die passende Soundkulisse liefert der mattschwarze, formschöne Doppelauspuff, der sich fast bis zum hinteren Rand der 16-Zoll-Felge erstreckt. Geschickt platzierte Blenden lassen ihn so fett aussehen, wie er klingt. Das knackig-kurze Heck der Leoncino Bobber betont die mächtigen Tüten zusätzlich und lässt den ohnehin großen Radstand von 1520 Millimetern noch amtlicher wirken. Rein optisch ist Benellis Bobber fraglos eine Augenweide, sei es in Schwarz oder Sahara-Beige. Einzig die Upside-down-Gabel wirkt etwas unterdimensioniert: Der Standrohrdurchmesser beträgt recht dürre 35 Millimeter.
Ein klassischer Bobber im A2-Segment – auf die Idee musst man erst einmal kommen. Innerhalb der Leoncino-Familie gibt der 400er-Bobber den Exoten. Verbindende Insignie ist der kleine namensgebende Löwe (italienisch: Leoncino) auf dem vorderen Schutzblech, von dem beim Fahren allerdings nichts zu sehen ist. Eyecatcher der Leoncino Bobber 400 ist das runde Digital-Farbdisplay, das einen ausgesprochen hochwertigen Eindruck macht. Statt der bei Motorrädern mit chinesischer Technik beliebten Bling-Bling-Strahlefarben dominiert hier ein satinierter Look mit dezenten Blau-, Rot-, Weißtönen. Gang- und Tankanzeige, Geschwindigkeit, Kilometer- oder Tageskilometerstand, dazu ein schmaler Drehzahlmesser, der fast das gesamte Rund des Displays nutzt und bei 10.000 Umdrehungen pro Minute in den roten Bereich wechselt.
Auf Konnektivität verzichtet Benelli. Gleiches gilt für ein Keyless-System. Gestartet wird ganz klassisch per Schlüssel. Das Zündschloss haben die Benelli-Designer oberhalb des Scheinwerfers und damit aus Fahrersicht hinter das Rundinstrument platziert. Dort ist es gut erreichbar, aber nicht im Blickfeld. Die Sitzposition ist artgerecht: niedrige Sitzhöhe (730 mm), nach vorn verlegte Fußrasten, stehender Schalthebel samt Fußbremse – so soll es sein. Bobber- und vor allem Cruiser-typisch greift die Fußbremse (240 mm) wirkungsvoll ins Gesehen ein. Den Griff zur Handbremse kann man sich daher in den meisten Fällen schenken. Es sei denn, der Fahrende muss abrupt den Anker werfen. Dann sollte naturgemäß auch die vordere Einzelscheibe (300 mm) mit 4-Kolben-Axial Bremssattel bemüht werden. Das ABS unterstützt diskret, die Traktionskontrolle ist abschaltbar.
Ein Beifahrer hat auf Benellis Bobber wenig zu lachen, zumindest nicht bei längeren Trips und langen Beinen: Das demontierbare Sitzbrötchen ist knapp bemessen und nicht besonders komfortabel, der Kniewinkel erfordert ein gewisses Maß an Duldsamkeit, neben dem Vordermann bleibt nur ein schmales Gurtband zum Festhalten, der hintere Federweg beträgt beinharte 65 Millimeter und damit nur rund die Hälfte des vorderen Federwegs (125 mm). Meine durchaus sportliche und beneidenswert schlanke Tochter raunte nach einer guten Viertelstunde: „Zum Glück ist es ja nicht mehr weit …“ Als Fahrer denkt man sich dann: „Was hat sie bloß?“ Der schön geformte vordere Einzelsitz ist nämlich ein ganz formidabler Zeitgenosse. Benelli hat ihn in Längsrichtung stylisch abgenäht. Auch nach zwei, drei Stunden im Sattel drängt sich nicht das Bedürfnis auf, (endlich) mal abzusteigen und dem Pöter etwas Erholung zu gönnen.
Rein rechnerisch reicht eine Tankfüllung für 416 Kilometer: Der Tank fasst 15 Liter, Benelli gibt 3,6 Liter auf 100 Kilometer als Durchschnittsverbrauch an. Bei motivierter Fahrweise gönnte sich unser Testbike 4,2 bis 4,5 Liter auf 100 Kilometer. Auch das ist durchaus noch im Rahmen und lässt Luft für mindestens 350 Kilometer zwischen den Zapfsäulenstopps (E10/E5). Wer es darauf anlegt, kann dem V2 offiziell bis zu 139 km/h entlocken. Der Tacho weist mit etwas Anlauf und günstigen Winden motivierende 146 km/h aus. Dann muss man sich allerdings gut festhalten am formschönen, recht flachen Lenker: Wind- und Wetterschutz ist auf der Leoncino Bobber blanke Theorie.
Ähnlich sieht es mit der Zuladung aus: 362 Kilogramm beträgt das zulässige Gesamtgewicht, 182 Kilo das Leergewicht. Vollgetankt bringt die Leoncino Bobber 400 folglich rund 193 Kilogramm auf die Waage, bleiben gut 170 kg für Besatzung und Gepäck. Eine Reise ans Nordkap oder ähnlich entlegene Ziele sollte man sich also gut überlegen mit diesem Bike, auch mangels geeigneter Gepäcksysteme. Beruhigend zu wissen: Die Beleuchtung gäbe Marathontouren problemlos her. Der Voll-LED-Scheinwerfer leuchtet die Straße vorbildlich aus. Auch optisch passt er hervorragend zum Bike. Ein Schelm, wer behauptet, das läge an der optischen Nähe zu Harleys Sportster-S-Scheinwerfer. (aum)
Daten Benelli Leoncino Bobber 400
Motor: V-Twin, flüssigkeitsgekühlt, 385 ccm
Leistung: 25 kW / 34 PS bei 8000 U/min
Max. Drehmoment: 35 Nm bei 5000 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 139 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: k.A.
Getriebe: 6 Gänge
Antrieb: Riemen
Tankinhalt: 15 Liter
Sitzhöhe: 730 mm
Gewicht: 182 kg (trocken)
Normverbrauch: 3,6 l/100 km
CO2-Emissionen: 82 g/km
Testverbrauch: 4,2– 4,5 l/100 km
Bereifung: 130/90-16 (v.), 150/80-16 (h.)
Preis: 6069 Euro
Veröffentlicht am 30.06.2026
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