2021-10-12 13:01:00 Automobile

Praxistest Knaus Van TI 650 MEG Vansation: Schnäppchen mit Fallen

Carzoom.de
Fotos: Autoren-Union Mobilität/Knaus

Kaum ein Reisemobilanbieter verzichtet auf Editionsmodelle, die mit gängigen Grundrissen eine um viele Posten erweiterte Serienausstattung haben und letztlich mit einem günstigen Komplettpreis locken. Bei Knaus-Tabbert hat so schon die Tochtermarke Weinsberg mit dem Modell Edition Pepper einen Bestseller vorgelegt, jetzt bietet die Muttergesellschaft Knaus ebenfalls ein solches Schnäppchen an. Van TI 650 MEG Vansation heißt das schöne Kind, das teilintegrierte Mobil rollt auf dem Fiat Ducato und kostet nahezu komplett ausgestattet gerade einmal 57.000 Euro.

Zu den Standards des Vansation-Pakets gehören unter anderem 16-Zoll-Leichtmetallräder, ein Navigationssystem mit Radio und Rückfahrkamera, eine Satelliten-TV-Anlage und die vier Meter lange Markise. Sonderausstattungen, die im Grunde jeder Camper als Extras ordert. Als Einzelposten bestellt würden sie sich auf gut 16.300 Euro summieren, beim Editionsmodell kommen sie ohne Aufpreis an Bord. Das ist für viele Camper ein höchst attraktives Angebot. Erst wer genauer hinsieht, entdeckt, wo der Rotstift angesetzt wurde, um das Reisemobil für seinen Hersteller nicht nur zum Erfolgsmodell, sondern auch zum Kassenschlager zu machen.

Der Einstieg auf der Beifahrerseite hat eine integrierte Trittstufe. Coupé-Einstieg heißt das und ist im Grunde komfortabel zu bewältigen. Lang wird der Schritt allerdings, wenn das Reisemobil mit Auffahrkeilen unter den Vorderrädern nivelliert wird. Das vergrößert den Abstand zwischen Boden und Wohnraum deutlich, da die einteilige Tür weit vorne angeordnet ist. Abhilfe würde eine elektrisch ausfahrende, zusätzliche Einstiegstufe für 500 Euro schaffen.

Gegenüber hat die Halbdinette mit einer Sitzbank für zwei und einem verlängerbaren Tisch ihren Platz. Fahrer und Beifahrersitz lassen sich drehen und werden zu Plätzen an der Tafel oder zu bequemen Fernsehsesseln, wenn der an der äußeren Wand des Waschraums installierte 27-Zoll-Flachbildschirm in Betrieb genommen wird. Ein weiterer Sitz findet sich zwischen Eingangstür und dem Beifahrerplatz, der einen fünften Mitesser möglich macht. Ein Hebekippdach und ein Panoramafenster über dem Fahrerhaus lassen Licht ins Innere, beide können wie alle anderen Ausstellfenster verschattet oder mit einem Fliegengitter verschlossen werden.

Die Fenster sind ebenso wie die Rollos von einfacher Natur, sie lassen sich nicht stufenlos, sondern in zwei Rastungen und im maximalen Winkel von 45 Grad öffnen. Verdunklung und Fliegenschutz sitzen nicht in einer gemeinsamen Kassette und lassen sich nicht miteinander verbinden, sondern bieten nur die Option entweder oder. Die Küche glänzt mit viel Stauraum und zwei üppigen, rollengelagerten Auszügen, die sich eigenständig nach dem Schließen verriegeln soll. Das Versprechen hielt zumindest die untere Schublade nicht und krachte in der ersten Rechtskurve mitsamt Geschirr aus der Verriegelung und dem Endanschlag, zerlegte sich dabei nicht nur selbst, sondern auch die Hälfte unserer Keramikteller. Das sollte bei einem Hersteller, der stets das holzhandwerkliche Geschick seiner Heimat im Bayerischen Wald als Qualitätsmerkmal anführt, nicht passieren.

Ein zweiter Fehler war allerdings noch ernster. Als die Bordelektrik ohne zunächst ersichtlichen Grund ihren Dienst versagte und die Fahrt zum Knaus-Servicepartner notwendig wurde, beschied der uns nach erfolgter Reparatur, dass eine überladene und somit aufgequollene Bordbatterie die Ursache war. Leicht hätte der Vansation damit zum Brennsation werden können.

Aber zurück zur Küche. Das untere Fach im Block der Pantry lässt sich nur schwer beladen, da dessen Klappe nach oben öffnet und der Blick auf die verstauten Waren nur mit demütigem Kniefall gelingt. Der Gasherd hat zwei Kochstellen, er gefällt besser als Geräte mit drei Brennern, weil Töpfe oder gar Pfannen im Duo ohne Gerangel aufgesetzt werden können. Die Wasserversorgung übernimmt eine solide Mischbatterie, eine Tauchpumpe fördert das Nass aus dem 95 Liter großen Tank. Auch in den Dachstaukästen kommen umfangreiche Vorräte unter, der benachbarte Kühlschrank mit Tiefkühlfach und einem Volumen von insgesamt 142 Litern ist mit einer Tür mit Wechselanschlag ausgestattet, lässt sich also nach links oder nach rechts öffnen. Die Fläche zum Anrichten reicht gerade so. Sie kann sich mit einer Verlängerung die Küchenoberfläche erweitern, die dann allerdings die Eingangstür blockiert.

Gut gefallen kann das Raumbad. Die Kassettentoilette mit drehbarem Sitz und das Waschbecken sind komfortabel nutzbar. Mit einem Handgriff lässt sich die Rückwand samt Waschtisch vor das WC schwenken und macht Platz für ein Duschbad, das reichlich Bewegungsfreiheit bietet. Vorbildlich ist die Duschwanne mit zwei Abläufen, die auch bei leichter Neigung des Mobils zuverlässig und vor allem zügig entwässert. Der Miniatur-Kleiderschrank zwischen Bad und Schlafzimmer ist eher eine nette Geste als zweckmäßige Unterkunft für die Garderobe. Mit einer Daunenjacke und einem Anorak ist sein Fassungsvermögen erschöpft, immerhin können das lange Schwarze und der Smoking faltenfrei mitreisen.

Über zwei Stufen geht es weiter hinten hinauf zu den beiden gut zwei Meter langen Einzelbetten, die sich mit einem Einlegepolster verbinden lassen. Ihre Matratzen ruhen auf hölzernen Lattenrosten, die sind günstiger als die aufwendigen Unterbauten mit Tellerfedern, bieten dennoch hohen Schlafkomfort. In den beiden Schränken unter ihren Fußenden gibt es weiteren Stauraum für Wäsche, die Dachschränke sind ebenfalls üppig bemessen und lassen sich gut erreichen. Die Beleuchtung kann mit Multischaltern überall im Innenraum sehr gut gesteuert werden, von vorne etwa kann das Licht im Schlafzimmer, von hinten das über der Dinette oder der Küche gelöscht werden. Allerdings fehlt es vorne an Lesespots, da muss der Kunde selbst für punktgenaues Licht sorgen. Immerhin gibt es hier sowohl einen USB-Anschluss wie auch eine 230-Volt-Steckdose. Zwei Fenster und eine Dachluke sorgen für Belüftung im Schlafgemach.

Die hohe Anordnung der Betten bringt der von beiden Seiten zugängigen Garage üppige Maße. Zwei Fahrräder lassen sich mühelos einräumen, die Campingmöbel finden ebenfalls Platz. Offene Regale taugen für die Unterbringung von Kabeltrommel und Auffahrkeilen.

Der Fiat Ducato erweist sich einmal mehr als solides Basisfahrzeug. Knaus spendiert dem Vansation die zweite Leistungsstufe des Vier-Zylinder-Diesels mit 2,3 Litern Hubraum, die dem unbeladen 2930 Kilogramm wiegenden Teilintegrierten Beine macht. Die Zuladung von 570 Kilogramm geht in Ordnung, der Verbrauch von 10,8 Litern Diesel auf 100 Kilometer auch. Beim Fahren klappert es im Aufbau allerdings kräftig, mit Spül- oder Geschirrtüchern lassen sich einige der Geräusche unterbinden. Andere beeindruckt das Reisemobil mit dynamischen Blinkleuchten am Heck, die Besatzung mit einem gelungenen Design und einem geschmackvollen Interieur.

Der Preis ist attraktiv, wenngleich die festgestellten Mängel ziemlich große Fragezeichen hinterlassen. (aum/mk)

Technische Daten Knaus Van TI Vansation

Länge x Breite x Höhe (m): 6,96 x 2,20 x 2,87
Radstand (m): 3,8
Motor: 4-Zyl.-Diesel, 2287 ccm, Turbolader
Leistung: 103 kW / 140 PS bei 3600 U/min
Max. Drehmoment: 350 Nm bei 1500 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 145 km/h
Testverbrauch: 10,8 Liter
Leergewicht / Zuladung: 2930 kg / 570 kg
Max. Anhängelast: 2000 kg
Schlaf-/Sitzplätze: 2/4
Stehhöhe: 1,95 Meter
Frisch-/Abwassertank: je 95 Liter
Wendekreis (m): 13,8 m
Basispreis: 56.999 Euro
Testwagenpreis: 57.784 Euro

Veröffentlicht am 12.10.2021

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